Thursday 22. March 2012

Der alltägliche Frieden in Kamerun

März 2012. Während in Nigeria die Gewalt zwischen Christen und Muslimen zunimmt, herrscht im benachbarten Kamerun Frieden zwischen den Religionen. Tabea Müller war für Mission 21 dort und beschreibt, wie sie das Zusammenleben in Kamerun erlebt hat. Der Text ist in einer etwas längeren Fassung im «auftrag» 1/2012 erschienen.

«Our way to God»: Religion ist in Kamerun allgegenwärtig - auch auf den Sammeltaxis.

Oder auf diesem Bus mit der Aufschrift: «Jesus is the Lord».

Ebenso tragen Mopeds und andere Fortbewegungsmittel Botschaften.

Eine Strassenszene in Kamerun.

Frauen feiern das 50jährige Jubiläum der Frauenarbeit der Presbyterianischen Kirche in Kamerun.

Im Frauenprojekt WEELP arbeiten muslimische und Frauen aus allen christlichen Konfessionen zusammen.

Dabei geht es oft um ganz praktische Dinge wie das Anbauen und Zubereiten von Lebensmitteln.

Am Morgen weckt mich der Muezzin. Im gewohnten arabischen Singsang ruft er vom Minarett herunter die muslimischen Gläubigen zum Gebet. Eine Weile später, es ist noch dunkel, läuten die Glocken der katholischen Kirche unweit der grossen Moschee. Und bei Einbruch der Morgendämmerung beenden die Anhänger einer der vier Pfingstkirchen in unmittelbarer Nähe meines Hauses ihren nächtlichen Gottesdienst. Sie treffen sich mehrmals wöchentlich um Mitternacht, um die bedrohlichen Geister während der Nacht lautstark in ihren Bann zu weisen. Unterdessen toben im nur wenige hundert Kilometer entfernten Nigeria erschütternde Kämpfe zwischen Moslems und Christen, erleiden Kopten in Ägypten ihres Glaubens wegen schlimmste Verfolgung.

Vor nicht allzu langer Zeit stritt die Schweiz um den Bau von Minaretten und bekriegten sich Katholiken und Protestanten in Nordirland bitterlich. Man mag es für ein schönes Märchen halten: Aber ja, in Kamerun leben verschiedene Religionen friedlich zusammen!

Glaube der Puls des Seins
Kamerun ist ein Vielvölkerstaat. Auf engstem Raum leben verschiedene Ethnien zusammen, die sich in Sprache, Essgewohnheiten, Totenritualen oder Witwentraditionen sehr unterscheiden. Schon im nächsten Dorf wird ein völlig anderer Dialekt gesprochen. Bei so viel Multikulturalität ist das Zusammenleben verschiedener Religionen Normalität statt Besonderheit. Der Glaube spielt im Leben der Menschen in Afrika eine sehr grosse Rolle. Er durchdringt nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens, ist nicht nur Lebensstütze sondern vielmehr der Puls des gesamten Seins. Der Name Gottes ist sogar im Strassenverkehr allgegenwärtig: Öffentliche Busse tragen Aufschriften wie «Auf Gott vertrauen wir», «Gott weiss alles», «Lob und Preis sei dem Herrn». Dienstliche Sitzungsprotokolle enthalten ganze Predigten und den abschliessenden Wunsch: «Möge Gott unsere Arbeit weiterhin reich segnen». Keine alltägliche Unterhaltung zwischen Kolleginnen, Nachbarn, Freunden kommt ohne «Gott sei Dank», «Wir beten dafür», «Wenn Gott will, wird es geschehen» aus. Dabei tritt nahezu in den Hintergrund, woran jemand glaubt. Alle glauben. Alle haben irgendeine Religion. Und alle tolerieren den Glauben ihrer Mitmenschen. Für den Glauben nimmt man sich Zeit in Kamerun, sei es für Andachten, Gebete oder Gottesdienste, die auch schon mal fünf volle Stunden dauern können. Kirchenmitarbeitende – ob Pastor, Nonne oder Missionarin – geniessen hohes Ansehen, zumindest was die Reaktionen der Strassenpolizei betrifft, die dann schon mal auf die oft üblichen Bestechungsgelder verzichtet. Darüber hinaus wird allen Gläubigen die Kompetenz zugestanden, zu predigen und zu beten – ein Patent dafür oder eine Ausbildung braucht es nicht.

Frauen aus der Nachbarschaft
Das Projekt WEELP (Women’s Economic Empowerment and Literacy Project) zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation und Alphabetisierung von Frauen im ländlichen Raum, das ich für die Frauenarbeit begleitete, wird von der Presbyterianischen Kirche in Kamerun organisiert, ist aber bewusst ökumenisch. Frauen aller Religionen und Konfessionen sind eingeladen, denn sie arbeiten ohnehin in ihren Quartieren und Nachbarschaften zusammen und sollen sich auch wirtschaftlich gegenseitig unterstützen. Einige unserer Gruppen sind bunte Potpourris aus presbyterianischen, katholischen, baptistischen, anglikanischen, den Pfingstkirchen zugewandten und muslimischen Frauen. Sie arbeiten und lernen zusammen, sie tolerieren einander auf liebevolle Art und Weise. Der muslimische Vater einer Projektteilnehmerin, ein Kunsthandwerker aus Westkamerun, war verstorben. Die ganze Gruppe trauerte mit der Familie. Zur Totenfeier kamen alle im Hof der Familie zusammen. Das Video der Beerdigungsfeier flimmerte über den Fernsehschirm, Berge von Essen wurden zubereitet und den Gästen serviert. Einige Frauen erschienen in ihrer presbyterianischen Uniform, denn sie kamen direkt von einer Veranstaltung in ihrer Kirche. Wer sich mit welcher Glaubensrichtung identifizierte, war an der Trauerfeier kein Thema und somit auch kein Tabu. Ich unterhielt mich mit einer Enkelin des Verstorbenen. Sie erzählte mir, dass sie die presbyterianische Schule besucht. Als Mitglied einer muslimischen Familie geht sie aber auch jede Woche mit ihrer Mutter zum traditionellen Freitagsgebet in die Moschee. Auf meine Frage, zu wem sie bete, wenn in der Schule das Vater Unser ansteht, antwortete sie frei heraus: «Dann bete ich das mit!» In der Moschee bete sie zu Allah und in der Kirche zu Gott. Ihre Grossmutter ergänzte: «So kann sie sich später entscheiden, zu welcher Religion sie gehören will.» Weder Beliebigkeit noch Gleichgültigkeit sind hier am Werk, sondern vielmehr tief beeindruckende, selbstverständlich gelebte Toleranz, die sich von trennenden Elementen zwischen den Religionen in keiner Weise aus der Ruhe bringen lässt.

Im Zweifelsfall zum Fon
Und was ist mit den vermeintlich religiösen Auseinandersetzungen? Ich wurde Zeugin eines Konflikts zwischen christlichen Bäuerinnen und muslimischen Hirten in den Bergen. Kühe hatten die frischen Keimlinge auf den Feldern der Bäuerinnen zertrampelt und abgefressen und somit die gesamte Ernte der Saison zerstört. Im Gegenzug gingen einige Hütten der Hirten in Flammen auf. Um den Konflikt, der sich recht schnell als rein wirtschaftlich begründet herausstellte, möglichst friedlich und im Sinne aller Beteiligten zu lösen, marschierten die Bäuerinnen und die Kuhhirten vereint zum Palast des traditionellen Herrschers, des Fons, um ihn um unabhängige Vermittlung zu bitten. Der Anblick des Menschenzuges, die einen zu Fuss unterwegs und die anderen auf Pferden, erweckte den Eindruck, dass niemand lange streiten, sondern alle zu einer ausgleichenden Lösung finden wollten. «Wenn wir mit den verschiedenen Religionen zusammen feiern, kochen wir selbstverständlich kein Schweinefleisch», erzählt eine Teilnehmerin des WEEL-Projekts. Sie würde ja auch nie auf den Gedanken kommen, eine andere Frau zum Katholizismus zu bekehren. Selbst die zahlreich aus dem Boden schiessenden charismatischen Glaubensgemeinschaften namens «Die wahre Kirche Gottes von Kamerun», «Kapelle der Sieger» oder «Bibel-Kirche für Tieferes Leben» missionieren zwar sichtbar, aber unaufdringlich.

(...)

Alles eitel Sonnenschein?
In dieser Vielfalt von Parallelwelten finden sich dennoch auffallend wenig Berührungspunkte, ganz zu schweigen von einer multireligiösen Durchmischung. Eine Kollegin, nach Kontakten zu Musliminnen befragt, antwortet, sie wisse wenig über deren Leben. Es sei schwierig, an sie heranzukommen. Im hohen Norden Kameruns, wo der Islam die vorherrschende Religion ist, erschreckte mich die Unsichtbarkeit der Frauen im täglichen Leben. Es war fast unmöglich, miteinander in Kontakt zu kommen. Trotz der faszinierenden friedlichen Koexistenz der Religionen in Kamerun ist es nicht immer leicht, die interreligiöse Ökumene zu leben. 2009 hat Kamerun den Weltgebetstag ausgerichtet. In Erwartung eines bunten Festes reiste ich in die Hauptstadt Yaounde zum zentralen Gottesdienst. Die verschiedenen Frauenbewegungen trugen unterschiedliche Uniformen. Die Frauen sassen streng nach Konfessionen geordnet in den Kirchenbänken, eine Durchmischung unter den Anwesenden gab es nicht. Am Rande der Veranstaltung gab es Reibereien, wer das anschliessende Büffet vorbereiten und wer überwiegend davon profitieren sollte.

Ökumene an der Basis
Vielleicht ist es an der Basis einfacher mit der Ökumene. Es war ein berührendes Erlebnis, als Baptistinnen und Katholikinnen gemeinsam mit den Presbyterianerinnen die Kerzen zur Eröffnung des 50-jährigen Jubiläums ihrer Frauenbewegung entzündeten. Auch zwischen Moslems und Christen gibt es Beispiele der liebevollen gegenseitigen Toleranz. In einem von einem Christen geführten Hotel in Bamenda werden muslimische Gläubige fürsorglich darauf hingewiesen, wo die Sonne auf- und untergeht. Umgekehrt ist es ähnlich: Als ich mit einer Freundin den Lamido, den traditionellen muslimischen Herrscher in einem kleinen Ort im Grasland besuchte, sagte er: «Jetzt ist Gebetszeit. Setzt euch hierhin. Ihr seid doch Christen. Ihr könnt jetzt auch beten.» Er richtete seinen Teppich und kniete sich gen Mekka.

 
 

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Programmverantwortliche Kamerun
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