Tuesday 21. February 2017

«Korea braucht Reformen wie zu Zwingli-Zeiten»

In der Zusammenarbeit der reformierten Medien ist ein spannendes Interview mit Meehyun Chung entstanden. Geführt wurde es von Evelyne Baumberger. Chung war ehemals für Mission 21 in der Fachstelle «Frauen und Gender» tätig. Am 10. Februar erschien es in reformiert. und ist nun auch beim Kirchenboten zugänglich.

Meehyung Chung findet, in Korea brauche es dringend Reformen.Foto: Yonsei University.

Meehyun Chung ist Theologieprofessorin an der Universität von Seoul in Südkorea. Zuvor lebte sie viele Jahre in der Schweiz. Im Gespräch erzählt die Koreanerin, warum der Missionsbegriff in ihrer Heimat nicht negativ besetzt ist - und weshalb sie in Verlegenheit gerät, wenn sie ihren Landsleuten von Zwingli erzählt.

Frau Chung, Sie lebten rund 15 Jahre in der Schweiz und leiteten die Fachstelle «Frauen und Gender» des evangelischen Werkes «Mission 21» in Basel. Wie steht es eigentlich um die Stellung der Frauen in den reformierten Kirchen von Südkorea?

Die ist nicht viel anders als in der Schweiz oder sonst wo auf der Welt: Die Frauen leisten viel Aufbauarbeit an der Basis. Ist diese aber geleistet und hat sich die Kirche etabliert, wird die Leitung von den Männern übernommen. Dabei können sich auch in Südkorea Frauen zur Pfarrerin ordinieren lassen und somit Einfluss nehmen. Nur weil Frauen Pfarrerinnen werden können heisst das nicht, dass sie ihren Beruf auch ausüben können. So ist es beispielsweise unvorstellbar, dass in Südkorea an prestigeträchtigen Kirchen, vergleichbar mit dem Berner Münster oder dem Grossmünster in Zürich, eine Pfarrerin wirkt. Ich bedaure das sehr.

Seit vier Jahren sind Sie auch eine der wenigen Frauen mit einer Professur an der Universität in Seoul.

Ja, die Universität ist leider nach wie vor eine Männerdomäne. Zwar sind die Hälfte unserer Studierenden Frauen, aber nur etwa zehn Prozent der Dozierenden. Dabei verfügt Südkorea seit 1948 über das Frauenstimmrecht - also sehr viel länger als die Schweiz. Trotzdem besteht noch sehr viel Handlungsbedarf, was die Gleichstellung von Frauen betrifft. Auch ist unser Land mit seiner geteilten Geschichte sehr stark von der Militärkultur geprägt, was Auswirkungen auf die Stellung der Frau und generell das Denken der Menschen im Land hat. Zurück zur Kirche: Die Halbinsel Korea gilt als Missionsland, das einerseits westlich missioniert wurde, andererseits zählt es heute zusammen mit den USA zu den Ländern, die am meisten Missionare in die Welt schicken. In der Schweiz ist der Begriff Mission negativ konnotiert.

Warum ist das in Südkorea anders?

Zunächst einmal weil das Land Korea, bestehend aus den zwei Staaten Südkorea und Nordkorea, vor der Teilung 1948 nicht von einem christlichen Land, sondern von Japan kolonialisiert wurde. Das ist weltweit einzigartig - und deswegen existiert diese negative Verknüpfung von Kolonialismus und Christentum nicht. Für uns ist die Mission damit verbunden, dass sie uns den Kirchenaufbau, Schulen und Spitäler brachte. Und ohne Mission gäbe es auch

meine Universität nicht. Sie sehen: Mission lässt sich nicht pauschal verurteilen. Aber klar gilt es Aspekte der Mission auch kritisch zu betrachten.

Warum war Korea überhaupt so empfänglich für das Christentum?

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts herrschte eine grosse Enttäuschung über die Dynastien. Diese basierten auf dem Konfuzianismus und Buddhismus. Das Evangelium brachte da die Hoffnung, dass sich die Gesellschaft erneuern kann. Und wie sieht die Situation der reformierten Kirchen in Korea heute aus? Wir haben kein grosses Wachstum, aber stabile Zahlen. Etwa 30 Prozent der Bevölkerung sind Christen. Im Gegensatz zur Schweiz gibt es bei uns sehr viel mehr Kirchgänger und Kirchgängerinnen. Eine grosse Herausforderung sind allerdings die Spannungen zwischen Evangelikalen und Progressiven. Diese äussern sich auch politisch: Evangelikale nehmen die Präsidentin, die wegen Korruptionsvorwürfen ihr Amt niederlegen musste, eher in Schutz, während Progressive für Reformen eintreten. Übrigens, ich rühre in Korea kräftig die Werbetrommel für Zwingli.

Um auf das Reformationsjubiläum hinzuweisen?

Das auch. Aber insbesondere um den Menschen beispielhaft aufzuzeigen, wie sich der Reformator Zwingli für soziale Reformen stark gemacht hat. Gerade jetzt, wo uns der Skandal der früheren Präsidentin sehr beschäftigt, brauchen wir in Korea solche Reformen. Ich stecke aber auch in einem Dilemma: Wenn ich von Zwingli erzähle, fragen mich meine Landsleute regelmässig, wie es denn um die reformierten Kirchen in der Schweiz steht.

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