Wednesday 01. February 2017

Südsudan: Wie Menschen mitten im Krieg am Frieden bauen

Karin Augustat, bei Mission 21 verantwortlich für den Südsudan, berichtet von der Situation vor Ort.

Im Südsudan herrscht Bürgerkrieg und internationale Organisationen schlagen wegen einer Hungersnot Alarm. Ist nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit in diesem Konfliktgebiet möglich? Ja, sagt Karin Augustat, bei Mission 21 verantwortlich für die Projekte im Südsudan. Sie ist zur Zeit vor Ort, um die Projekte zu besuchen und mit den lokalen Partnerorganisationen die Zusammenarbeit für die kommenden vier Jahre zu planen.

 

Karin Augustat, wir lesen über Hungernde, über Krieg und Vertreibung im Südsudan. Was haben Sie davon auf Ihrer Reise gesehen?
Von den Menschen, die ich getroffen habe, ist praktisch jeder vom Krieg betroffen. Zwar habe ich nicht die Landesteile besucht, wo die humanitäre Lage am prekärsten ist und Menschen laut Informationen der UNO tatsächlich vor Hunger sterben. Ich habe jedoch einige Tage in der Hauptstadt Juba verbracht und dort mit vielen Leuten gesprochen. Die meisten wurden vertrieben und leben in Camps. Sie haben Angehörige verloren, Bombardierungen erlebt oder sind vor Massakern geflohen. Seit Beginn des Bürgerkriegs Ende 2013 sind rund 2,5 Millionen Menschen aus dem Südsudan auf der Flucht und man spricht von rund 300'000 Todesopfern. Die ganze Gesellschaft ist von diesem Krieg und seinen Folgen betroffen.

Wie ist die Lage der Menschen in Juba?
Viele sind vom Krieg traumatisiert. Zudem können sie sich kaum mehr mit den nötigsten Grundnahrungsmitteln versorgen. Zwar herrscht hier keine Hungersnot wie auf dem Land. Doch Juba ist wie eine Insel - die Stadt kann nur noch aus der Luft versorgt werden, weil die Landwege unsicher oder blockiert sind. Das macht Güter wie Gemüse oder Getreide rar und extrem teuer. Abends gibt es Kontrollen auf den Strassen, nach 20 Uhr ist praktisch niemand mehr unterwegs. Mission 21 arbeitet vor Ort mit verschiedenen Partnerorganisationen zusammen.

Wie ist die Situation der Partner?
Unser wichtigster Partner vor Ort sind die Presbyterianische Kirche des Südsudan (PCOSS) und der Südsudanesische Kirchenbund (SSCC). Sie sind im erhofften Friedensprozess im Südsudan zentral, da die Kirchen eine gewichtige Stimme haben. Vertreter beider Partner waren dabei, als der Präsident und der Vizepräsident des Südsudan das bisher jüngste Friedensabkommen unterzeichnet haben. Doch natürlich sind auch unsere Partner vom Konflikt betroffen.

Inwiefern?
Die PCOSS hat ihre Heimat im Norden und Nordosten des Landes. Sie hat über eine Million Mitglieder - und die meisten von ihnen sind ebenfalls vertrieben worden und nun über das ganze Land verteilt oder in die Nachbarländer geflüchtet. Die Arbeit wird dadurch enorm erschwert. Die Kommunikation ist eine Herausforderung, Reisen über Land sind aus Sicherheitsgründen praktisch unmöglich. Wie mir nun die Partner hier berichten, sind einige Kirchgemeinden im Norden geblieben. Sie mussten nach den jüngsten Bombardierungen in die Wälder fliehen und haben nun nicht einmal mehr genug Wasser zur Verfügung. Es ist natürlich schrecklich, davon zu erfahren und so gut wie nichts tun zu können.

 

Ist in dieser Situation überhaupt irgendeine Art von Unterstützung möglich, die über Nothilfe hinaus geht? Sie sind im Moment dabei, mit den Partnern eine Strategie für die Arbeit in den kommenden vier Jahren zu erarbeiten.
Nothilfe ist im Moment sehr wichtig. Doch ebenso wichtig ist es, auch in die Zukunft zu schauen. Mission 21 tut genau das. Unsere Stärke liegt in der Friedensarbeit. Eine nachhaltige Verbesserung der Situation ist nur möglich, wenn wir auf Frieden hinarbeiten.

Wie kann das geschehen?
Der Südsudanesische Kirchenrat hat einen Aktionsplan lanciert, den Action Plan for Peace. Oberziel ist der Auf- und Ausbau von friedlichen interreligiösen und interethnischen Beziehungen, damit tragfähige Netzwerke in der Gesellschaft entstehen, die dem Frieden dienen. Mission 21 kann sich in diesem Friedensplan in den Bereichen Versöhnung und Trauma-Arbeit sowie beim Capacity Developement einbringen.

Was bedeutet das konkret?
Der Kirchenbund und die PCOSS vereinen verschiedenste Ethnien. Sie geniessen als einzige Institution im Land noch das Vertrauen der breiten Bevölkerung. Die PCOSS hat bestehende Strukturen, das ist ein riesiger Vorteil. Um den Friedensprozess voranzubringen, braucht sie aber mehr sehr gut qualifiziertes Personal. Es geht darum, die Beteiligten weiter auszubilden und auch zu ermöglichen, dass sie ihr Wissen weitergeben. Ziel der Versöhnungs- und Trauma-Arbeit ist es, dass kriegstraumatisierte Menschen ihrer Situation entsprechend unterstützt werden. Führungspersonen sollen ausgebildet sein, um Programme der Versöhnungsarbeit zu leiten. Bis es soweit ist, liegt aber noch viel Arbeit vor uns, und wir brauchen finanzielle Unterstützung, um diese Arbeit mit den Partnerorganisationen leisten zu können.

Was gibt Ihnen die Hoffnung, dass der Frieden erreicht werden kann?
Die Menschen hier. Es beeindruckt mich sehr, dass sie den Mut nicht verloren haben. Sie haben einen starken Glauben. Dieser kann Geschehenes nicht ungeschehen machen. Aber er schafft sehr viel Solidarität und menschliche Anteilnahme. Die Menschen in der PCOSS stehen einander bei, finanziell, emotional und sozial. Zudem ist ein enormer Wille spürbar, das Land wieder aufzubauen und sich für eine bessere Zukunft einzubringen. Ein riesiges Potential.

Interview: Miriam Glass, Team Öffentlichkeitsarbeit

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