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Thursday 22. September 2011

Jugendproteste gegen Chiles Bildungssystem

Nachdem uns im vergangenen Jahr Erdbebenberichte aus Chile erschütterten, erhalten wir heute vermehrt Berichte von gesellschaftlichen ‹Beben›. Hier ein Stimmungsbild mit Hintergrundinformation direkt aus Santiago de Chile. Ana María Devaud hat ihn uns geschickt. Als Mitgliled des Chilenischen Frauennetzwerkes der Partnerinstitutionen von mission 21 informiert sie uns über das aktuelle Geschehen in der Jugendbewegung Chiles.

 In einem Begleitbrief zu ihrem Artikel schreibt sie:

«Bei diesem ganzen Prozess hat die Frauenbewegung eine relevante und wirkungsvolle Rolle gespielt. Die organisierten Frauen konnten unter widrigsten Umständen Teilerfolge für mehr Gleichberechtigung erzielen. Dies hat der Bewegung einer neuen Generation Anstoss und Unterstützung gegeben. Heute macht sie Ungerechtigkeiten bewusst und ist fähig, ihre Unzufriedenheit über das katastrophale Bildungswesen zu artikulieren.»

Ein fatales Erbe aus der Diktatur

Die zahlreichen Schüler- und Studentinnenproteste haben viele von uns überrascht, aber auch mitgerissen. Die heutigen Jugendlichen haben schlafende Fähigkeiten zur Chilenischen Solidarität geweckt und breite Kreise mobilisiert.

Ursprünglich hat die Bewegung gegen die mangelhafte und teure Bildung protestiert, welche den Chilenischen Kindern und Jugendlichen seit Jahren zugemutet wird. Heute formulieren die intellektuellen Kräfte der Massenproteste aber auch klare Vorschläge und Forderungen für eine Reform des Bildungswesens bis ins Jahr 2020.1 Zurzeit erreichen 6 % der besser begüterten SchülerInnen die Mittelstufe. 2 von 5 Kindern schliessen ihre Schulbildung mit 4 Jahren Grundschule ab, ohne verstehen zu können, was sie lesen. In den letzten Jahren haben sich die Defizite und Ungleichheiten massiv vertieft. Die Jugendlichen diskutieren die ungleiche Verteilung des Bruttoinlandproduktes Chiles mit Sorge, denn 20 % der Bevölkerung häuft den Grossteil der Einnahmen ihres Landes für sich an.

Die Jugendlichen sehen die Wurzel dieser Ungerechtigkeit in der Diktatur unter Pinochet. Seit dessen Sturz vor rund 20 Jahren lebt Chile in einer ‚Schein-Demokratie’. Die Institutionen, welche das heutige Leben regeln, sind dieselben geblieben, welche die Diktatur geschaffen hatte. Die Grundstrukturen aus jener Zeit haben sich bis heute gehalten und verhindern eine Opposition. Dasselbe Wirtschafts- und Erziehungssystem wird unter derselben Verfassung (mit einigen leichten Modifikationen) weitergeführt und bildet die Grundlage für die heutige, extrem lebensfeindliche Ausprägung des neoliberalen Systems. Das diktatorische Regime hat sich einen neoliberalen Ersatzstaat geschaffen. Dessen Auswirkungen sehen wir an der fast uneingeschränkten Herrschaft weniger grosser Unternehmen und der massiven Verarmung der Mittelschicht. Die Bildungsaufgabe wird heute von kommunalen Verwaltungen und privaten Institutionen vernachlässigt statt übernommen und läuft unter dem einzigen Gesichtspunkt der Gewinnorientierung.

Was ist passiert? Weshalb hat sich während 20 Jahren ‚Demokratie’ nichts grundlegend verändert? Ohne Spezialistin dieser Materie zu sein, kann ich doch sagen, dass Angst und Horror mein Land noch 20 Jahre lang gelähmt haben. Das illegitime Regime hatte sich mit Gewalt aufgedrängt, um Menschenleben, Beziehungen, Strukturen und nicht zuletzt eines der besten Bildungswesen Lateinamerikas zu zerstören. Die enorme Wunde, die durch das unmenschliche System der Diktatur geschlagen worden war, wurde nie behandelt; und die Kräfte haben sich erschöpft.

Doch heute steht eine neue Generation auf; eine Generation, welche angstfrei aufwachsen konnte. Camila Vallejo und Giorgio Jackson führen die Jugendbewegung an und nennen das Unrecht ganz deutlich beim Namen. Die heutige Jugend hat es geschafft, ihren Unmut zu artikulieren über ein Bildungssystem, das sich für die Gewinnorientierung prostituiert. Sie ist fähig, schmerzhafte Fragen zu stellen wie: weshalb müssen sich Familien für das Recht auf Bildung verschulden, in einem reichen Staat mit makroökonomischen Erfolgszahlen? Weshalb müssen Studierende jährlich US$ 16'000.- für ihr Studium bezahlen? Muss es sein, dass sich die Mehrzahl der Studierenden und deren Familien für ihre Zukunft durch die Aufnahme von Krediten im Wert eines Hauses verschulden? Sie meinen nein! Es darf nicht länger sein, dass das Recht auf Bildung zum Geschäft von Privilegierten und Banken verkommt. Die Jugendbewegung hat sich Gehör verschafft. Sie geht auf die Strasse, kämpft für eine Veränderung und formuliert Vorschläge und Lösungen für eine neue Bildungspolitik. Sie erarbeitet Antworten auf die Fragen: Welches Bildungswesen wollen wir? Wie sollen die Bildung unserer Kinder und deren Zukunft aussehen? Wie verankern wir die Genderfrage in neuen Bildungsplänen? ... und vieles mehr. Für die heutige Jugend steht fest: Bildung ist kein Privileg, sondern ein allgemeines Recht. Alle haben das Recht auf qualitativ gute Bildung.

Ich schliesse mich der Hoffnung der Jugend an, welche bei Protestmärschen laut hörbaren wiederholt wird: ‹Sie wird fallen, sie wird fallen, die Erziehung von Pinochet.›

von Ana María Devaud, Santiago de Chile, Chile

Übersetzt von Marianne Herrera-Zweifel, mission 21

1 ‘Propuesta educación 2020 – para un camino a una educación de calidad con equidad para Chile, Nueva institucionalidad y financiamiento de la educación escolar’ vom 16. August 2011, erhältlich bei marianne.herrera@ich-will-keinen-spammission-21.org

 

Zur Autorin:

Ana Maria Devaud ist Drehbuchautorin und Mutter zweier inzwischen erwachsener Kinder. Auch sie hat sich, zusammen mit ihrem Ehemann, für die Ausbildung ihrer Kinder massiv verschuldet und kämpft seit Jahren mit der Rückzahlung von Schulden und Zinsen an die Bank. Sie sagt: «Nur Dank der grossen Unterstützung meiner Familie und meines grossen Freundinnenkreises konnten wir unseren Kindern eine universitäre Bildung ermöglichen.»