Die Kapelle wird zum Lesesaal

An der diesjährigen Gönnerclub-Veranstaltung des Archivs im September drehte sich alles um seine Nutzung.

Von Anne Beutter, Archivassistentin

Die Kapelle im Missionshaus ist an diesem Tag besonders bestückt: Vorne sind die gewohnten Sitzreihen, aber dahinter stehen drei grosse Ausstellungsinseln bereit, um die Friends of the Archives in den Alltag der Archivnutzung mitzunehmen. Der inszenierte Lesesaal lädt ein, den spannenden Archivalltag, den Forschungsprozess und seine Früchte hautnah kennen zu lernen. Alles ist da: vom Essverbotsschild über das aufgeschlagene Findbuch bis zu den Archivalien. Und auch der Leihschein, der Fotoapparat und der Laptop fehlen nicht.

«Ich habe in diesem Register meinen Vater und meinen Grossvater gefunden! Wo müsste ich jetzt weiter suchen?» fragt Ruth Epting, ehemalige Mitarbeiterin der Basler Mission.

Angeregt beginnen die Gäste selbst in den präsentierten Bänden zu blättern. Die MitarbeiterInnen des Archivs erzählen vom Aufstöbern der Materialien und den nötigen Hilfsmitteln, den alten und den allerneusten. Sie stellen wichtige Nutzergruppen wie Doktoranden und Ahnenforschende vor und präsentieren anschaulich die internationale und interdisziplinäre Forschungsgemeinschaft, die im Archiv der Basler Mission / mission 21 verkehrt.

«Im Missionsarchiv findet sich eine packende Welt. Eine Welt, die nah und fern zugleich ist.» So beschreibt Heinrich Christ, ein langjähriger  Nutzer, was dieses Archiv für ihn auszeichnet und das wird auch an diesem Anlass thematisiert. Der erste Teil des Nachmittags gilt den aktuellen Entwicklungen im Archiv: Barbara Frey Näf, die langjährige Verantwortliche für die Bildbestände, geht Ende Jahr in Pension und verabschiedet sich von den Friends. Anne Beutter stellt das neuste Projekt vor, das demnächst auf der Website von mission 21 zu finden ist: Patenschaften für ausgesuchte restaurierungsbedürftige Bücher und Akten.

Es bietet sich auch Diskussionsgelegenheit zu den leitenden Visionen des Archivs als Verwalterin von gemeinsamem kulturellem Erbe. Guy Thomas, der Leiter des Archivs der Basler Mission / mission21 sieht dieses als Plattform und Wegweiser für das Zusammenkommen unterschiedlichster Akteure, die gemeinsam ‚die Geschichten der Basler Mission’ schreiben: «In den 200 Jahren Missionsgeschichte sind weltweit vielfältige Kontaktzonen entstanden, aus denen der Facettenreichtum an Ansprüchen und Zugängen erwächst, durch den dieses Archiv und seine Nutzer sich auszeichnen.»

Drei mal Hongkong – «Was für eine schöne und unglaubliche Geschichte»
Beredtes Beispiel, wie diese Visionen im Lesesaal des Archivs gelebt werden, ist die erstaunliche Geschichte, von der Anke Schürer-Ries als nächstes berichtet: Drei Menschen, die diesen Sommer im Archiv, ohne es zu ahnen, eine Woche lang zusammen Hongkong erforschten – aus ganz unterschiedlichen Blickrichtungen, von der Linguistik bis zu baurechtlichen Fragen: Eine Studentin aus Tokyo forschte zur Entwicklung des hakka-chinesischen Dialekts anhand von Bibelübersetzungen, ein Kirchenvorsitzender aus Hongkong suchte alte Baupläne seiner Kirche und ein ökumenischer Mitarbeiter von mission 21, der in Hongkong im Einsatz steht, untersuchte das Leben von Theodor Hamberg - einem der zwei ersten Basler Missionare in China. Als Krönung dieses Zusammentreffens wurde ein Schatz gehoben: Eine Bibelübersetzung in Hakka, die älter ist als jene, die gemeinhin als die älteste Übersetzung gilt!  

Joint Research in Partnership
Ein bevorstehendes Highlight für derartiges Arbeiten wird auch BM Archives: ein Web-Tool, das die umfangreichen Karten und Bildbestände vernetzt und mit den neuen digitalen Findmitteln sowie einer Personendatenbank zusammenführt. Das eröffnet neue Recherchemöglichkeiten von der auch die Partnerkirchen von mission 21 profitieren, schliesslich bringt es das kulturelle Erbe, das im Missionshaus in Basel konserviert wird einen grossen Schritt näher. Auch wie die Konservierung umgesetzt wird, können die Friends anhand von Beispielen live erleben.

Joint Research in Partnership, dieses Selbstverständnis spiegelte sich also auch im Programm des stimmigen Nachmittags wider. Die Gäste als Entdeckerinnen und Entdecker, kundig geführt von den Mitarbeitenden des Archivs. Auch beim abschliessenden Apéro geht der Austausch weiter – Ehemalige und aktuelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Mission, Forschende und auch Vertreter benachbarter Institutionen runden so den informationsreichen Anlass gemeinsam ab.

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Dr. Guy Thomas
Leiter des Archivs
Tel. +41 (0)61 260 22 45/42
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