Wednesday 16. November 2016

Indonesien: Das Geschäft mit der Verzweiflung

Hunderttausende Indonesierinnen reisen mit Agenturen nach Hongkong in der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben. Doch Knebelverträge und miserable Arbeitsbedingungen sind leider verbreitet. Mission 21 unterstützt die Migrantinnen und leistet wichtige Präventionsarbeit in Indonesien.

Parwati lebte vergangenes Jahr mehrere Monate in der Notunterkunft für ausländische Hausangestellte in Hongkong. Hier hatte sie eine Bleibe gefunden, nachdem ihr Arbeitgeber sie ganz plötzlich vor die Türe gestellt hatte - weil Parwati an Brustkrebs erkrankt war. Zum Glück hatte ihr eine Freundin von der Aufnahmestelle der Hilfsorganisation «Christian Action» erzählt. Hier fand sie ein Bett sowie soziale und rechtliche Hilfe, sodass sie gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber klagen konnte.

Die Indonesierin Parwati ist nicht die einzige, die in eine solche Notlage gerät. Andere Frauen flüchten hierher, weil sie von ihrem Arbeitgeber geschlagen oder sexuell missbraucht werden. Der Entscheid, vor Gericht zu gehen, fällt vielen schwer. Oft mangelt es ihnen an Informationen über die eigene Rechtslage. Zudem haben sie Angst vor dem Schritt: Sobald sie klagen, verlieren sie Job und Unterkunft. Bis der Prozess abgeschlossen ist, dürfen sie nicht arbeiten, sind auf Nothilfe angewiesen und können kein Geld nachhause schicken.

In dieser schwierigen Situation ist die Notaufnahmestelle, die von Mission 21 unterstützt wird, ein wichtiges Angebot. Hier erhalten die Frauen auch Möglichkeiten zur Freizeitbeschäftigung und zur Weiterbildung, etwa Sprach- und Computerkurse. Die 24 Betten sind dauernd belegt: Rund 200 Frauen pro Jahr finden hier Unterschlupf. Die Beratungsstelle von «Christian Action» wird sogar von etwa 7'000 Frauen jährlich aufgesucht. Hier bekommen sie soziale und rechtliche Beratung bis hin zum rechtlichen Beistand im Prozess. Auch psychologische und medizinische Unterstützung bietet «Christian Action», die das Unterkunfts- und Beratungsprojekt gemeinsam mit der «Tsung Tsin Mission of Hong Kong» (TTM) betreibt.

Frauen werden zur Migration gedrängt
Auch wenn Geschichten von Missbrauch wie die von Parwati sich häufen - die Nachfrage indonesischer Frauen nach Stellen in den Nachbarländern steigt. Von den 330'000 ausländischen Hausangestellten, die jährlich in Hongkong arbeiten (Stand Januar 2015), machen sie rund die Hälfte aus. Und Indonesierinnen arbeiten nicht nur in Hongkong, sondern auch in Taiwan, Japan, Südkorea oder Malaysia.

Denn Indonesien verzeichnet zwar ein beachtliches Wirtschaftswachstum, doch die Einnahmen bleiben mehrheitlich bei den grossen Konzernen hängen. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft im Land immer weiter auseinander. «Die grosse Armut ist der Grund für die verbreitete Arbeitsmigration», sagt auch Obertina Johanis.

Die Pfarrerin gehört der Pasundankirche (GKP) aus Westjava an, einer Partnerkirche von Mission 21. Nach ihrem Theologiestudium wurde sie vor einigen Jahren auf ihre erste Pfarrstelle berufen, an die Nordküste Javas, nach Indramayu. Dort hat sie miterlebt, wie zahlreiche Frauen von ihrer Familie zur Migration gedrängt wurden: «Es gilt als normal, dass Väter ihre Töchter oder Männer ihre Ehefrauen wegschicken.» Die meisten Männer arbeiten als Taglöhner im Reisanbau. Mit dem Lohn der Frauen wollen sie ein Stück Land kaufen, oder genügend Geld für die Bewässerung haben, um mehr Ernten einzufahren. 

Bildung ist Prävention
Für die Pfarrerin Obertina Johanis ist die Präventionsarbeit in Indonesien der Schlüssel zur Besserung: «Die Frauen müssen eine bessere Bildung erhalten, auch Englischunterricht, damit sie wenigstens die Verträge verstehen.» Zudem müssten sie sich berufliche Kenntnisse aneignen, um in ihrer Heimatregion selbst Arbeit, Auskommen und damit finanzielle Unabhängigkeit zu finden.

Auch die Aufklärungsarbeit über die Risiken einer Migration sei wichtig: «Die Betroffenen wissen viel zu wenig Bescheid über vertrauenswürdige oder verbrecherische Agenten oder über die knebelnden Bedingungen für Arbeitsmigrantinnen in den Zielländern!»

Ebenso wichtig wie diese Präventionsarbeit bleibt die Unterstützung der Frauen, die im Ausland arbeiten und von ihrem Arbeitgeber ausgebeutet oder misshandelt werden. Das zeigt der Fall von Parwati in Hongkong. Für sie ging die Geschichte gut aus. Dank dem Rechtsbeistand von Christian Action gewann sie den Prozess gegen den ehemaligen Arbeitgeber, der ihr missbräuchlich gekündigt hatte. Sie fand eine neue Stelle mit Zimmer bei einem guten Arbeitgeber. Heute kommt sie noch immer häufig in den «Shelter»: Wo sie damals Hilfe und Unterkunft fand, steht sie nun selbst jungen Frauen in Not bei.

Autor: Christoph Rácz

Dieser Bericht erschien im Magazin «Nachrichten», das vier mal jährlich über die Arbeit von Mission 21 berichtet. Lesen Sie den ungekürzten Bericht! (PDF-Download)

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