Thursday 22. September 2016

«Macht Religion einen Unterschied?»

Interdisziplinäre Fachtagung an der Universität Basel über Religion in der Entwicklungszusammenarbeit.

Die Teilnehmenden des Forschungskollegs. Hinten: Jeff Haynes, Claudia Hoffmann, Christine Schliesser. Mitte: Sinah Kloss, Dena Freeman. Vorne: Andreas Heuser, Jens Köhrsen (vlnr).

Religion ist in vielen Ländern des Südens wichtig und beeinflusst das tägliche Leben. Dass sie deshalb auch bei der Entwicklungszusammenarbeit berücksichtigt werden sollte, hat sich in den letzten Jahren als Erkenntnis durchgesetzt. Doch was heisst das in der praktischen Projektarbeit vor Ort? Wie unterscheidet sich eine glaubensbasierte Nichtregierungsorganisation von einer säkularen? Diesen Fragen gehen Forschende verschiedener Disziplinen nach. Sie haben konkrete Beispiele untersucht und stellen ihre Ergebnisse vom 9. bis 11. November an der Universität Basel vor. Claudia Hoffmann hat gemeinsam mit Prof. Andreas Heuser (Aussereuropäisches Christentum, Theologische Fakultät Basel) und Prof. Jens Köhrsen (Religion und Wirtschaft, Theologische Fakultät Basel) die Konferenz organisiert. Ein Interview.

Mission 21: Frau Hoffmann, die Konferenz richtet sich an Fachleute, die sich wissenschaftlich oder praktisch mit Religion in der Entwicklungszusammenarbeit befassen. Für wen ist sie sonst noch spannend?

Claudia Hoffmann: Für alle, die sich fragen, welche Organisation sie sinnvollerweise unterstützen sollten. Im Briefkasten landet Werbung von vielen Hilfswerken, da ist es schwer, den Überblick zu behalten. Wie arbeiten sie? Was unterscheidet sie von anderen? Welche Herangehensweise haben sie? An der Konferenz werden Forschungen zu verschiedenen Projekten und Organisationen vorgestellt, da bekommen Interessierte viele Antworten. Sie richtet sich natürlich auch an alle, die besonders kritisch gegenüber Missionswerken oder anderen christlichen Werken sind. Es werden verschiedenste Facetten der Frage, welchen Unterschied Religion macht, diskutiert.

Was spricht Ihrer Meinung nach dafür, für ein christliches Werk zu spenden?

In der Projektarbeit vor Ort kann eine glaubensbasierte Organisation den Vorteil haben, dass sie besser «gehört» wird. In religiös geprägten Ländern hat es Gewicht, was ein Pfarrer sagt. Ausserdem generiert die Motivation aus dem Glauben viele Ressourcen! Menschen möchten sich für andere engagieren.
Ich unterscheide zwischen  neueren christlichen Werken und einem klassischen, gewachsenen Missionswerk. Das Besondere an Letzterem sind die langjährigen Partnerschaften. Die Missionsgesellschaften haben sich stark verändert und aus der Geschichte gelernt, so auch Mission 21 in Basel. Sie verstehen sich heute als weltweites Netzwerk für ein besseres Leben für alle Menschen.

An der Konferenz sprechen Politikwissenschaftler, Anthropologinnen, Theologen. Wie kommt das?

Die Konferenz ist der Abschluss eines zweijährigen Forschungskollegs des Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik, eine gemeinsame Einrichtung der Universitäten Basel, Fribourg, Lausanne, Luzern und Zürich sowie des Collegium Helveticum. Das interdisziplinäre Forschungskolleg beschäftigte sich mit der Frage nach «Religion and Development in the Global South». Wir waren im Kolleg zu fünft und kamen aus der Schweiz, aus Deutschland und England. Nun haben wir weitere internationale Forschende eingeladen. Religion und Entwicklung ist ein Themenfeld, das immer mehr Menschen interessiert, doch es gibt erst wenige empirische Daten dazu. Am Ende der Konferenz wird ein Sammelband mit den Beiträgen erscheinen.

Worüber haben Sie im Rahmen des Kollegs geforscht?

Ich habe zwei Projekte der Basler Mission / Mission 21 in Kalimantan (Indonesien) untersucht. Ein Landwirtschaftsprojekt aus den 50er-Jahren und ein aktuelles Projekt mit dem Titel «Stärkung von Basisgemeinschaften», das Pfarrpersonen aus- und weiterbildet. Interessant finde ich, dass es den Missionswerken immer schon um ganzheitliche Transformation ging. Es ging nicht einfach nur darum, Menschen zum Christentum zu bekehren, sondern immer auch darum, Lebensgrundlagen zu verbessern. Materielle und spirituelle Entwicklung wurden von Anfang an zusammen gedacht. So lesen wir im Berufungsschreiben an den zukünftigen Direktor der Basler Mission aus dem Jahr 1815, dass Missionare ausgebildet werden sollen als «Verbreiter einer wohlthätigen Civilisation und Verkünder des Evangeliums des Friedens nach verschiedenen Gegenden der heidnischen Welt» (Basler Mission, Protokoll der 5. Komiteesitzung, 13.11.1815).
Was sich verändert hat, ist nicht nur das Missionsverständnis, sondern auch das Verhältnis zu den Partnerorganisationen. Geblieben ist der Antrieb aus dem christlichen Glauben heraus und die Sehnsucht nach einem Leben in Würde für alle Menschen. Bei der Podiumsdiskussion am 10. November wird lebhaft darüber debattiert werden, welche Vor- und oder Nachteile es hat, wenn bei der Durchführung von Projekten die religiöse Dimension berücksichtigt wird.

Interview: Dorothee Adrian, Team Öffentlichkeitsarbeit

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