Monday 26. September 2016

«Mein letzter Pappbecher war gestern!»

Karina Schumacher über das Leben in Südkorea, Umweltbildung und die Kunst der Gelassenheit. Sie lebt seit knapp fünf Jahren in Südkorea. Ziel ihres Einsatzes ist es, die Bevölkerung für Umweltfragen zu sensibilisieren und die Umweltbildung weiterzuentwickeln. Im Interview gibt sie Auskunft über ihre Arbeit und ihren Alltag in Südkorea.

Karina, was vermisst Du an Südkorea, wenn Du in Deutschland und der Schweiz bist?

Das Essen. Zum Beispiel koreanisches Eis: Crushed Ice mit süsser Kondensmilch, Früchten und Eis obendrauf. Die Portionen sind immer so gross, dass man sie nur gemeinsam essen kann. Typisch koreanisch! Und mein Lieblingsgericht: Scharfer Reiskuchen. Sehr lecker. Für gute Laune, schlechte Laune, schwere Tage, schöne Tage.

Und was vermisst Du, wenn Du dort bist?

Brot, Honig und Quark sind drei Dinge, die es nicht gibt. Und die Gartenkultur. Biergärten und Vorgärten fehlen in Seoul. Einfach mal sitzen und reden und sein, das gibt es kaum.

Wie meinst Du das? Sind die Menschen in Korea immer auf dem Sprung?

Immer. Den Moment geniessen, ist etwas, was man nicht tut in Korea. Man ist immer beschäftigt und getrieben, hat nie Zeit.

Du hast dich entschieden, deinen Einsatz um ein Jahr zu verlängern. Warum?

Weil mein aktuelles Projekt sich gut entwickelt. Obwohl es eigentlich aussieht wie ein Vorhaben ohne Erfolgsaussichten.

Das musst Du erklären!

Das Projekt begann als Widerstand gegen das Vier-Flüsse-Projekt der Regierung, das mit Staudämmen stark ins Ökosystem der vier grössten Flüsse Koreas eingreift. Das Projekt gilt seit rund zwei Jahren als abgeschlossen - wir protestieren also gegen einen Staudamm, der bereits gebaut ist.

Was soll das bringen?

Es bringt tatsächlich viel. Zwar kann der Staudamm nicht mehr verhindert werden. Aber über die Projektarbeit am Fluss habe ich in den vergangenen anderthalb Jahren immer mehr Leute gefunden, die sich für Umweltfragen interessieren. Und da Umweltbildung und die Sensibilisierung für Umweltthemen zu meinen Hauptaufgaben in Südkorea gehören, führt das Projekt nun doch zum Erfolg. Es ist ein Netzwerk entstanden, dessen Mitglieder die drängendsten Fragen vor Ort angehen. Es gibt lokale Umweltgruppen, die die Auswirkungen des Staudamms beobachten und Probleme wie undichte Stellen, Algenbildung oder Artensterben dokumentieren.

Was sind denn die dringendsten Umweltprobleme in Südkorea?

Verschmutzte Flüsse, ungebremste Müllproduktion, erliegende Verkehrsströme in und um Seoul. Das wohl drängendste Problem ist die Luftverschmutzung durch Feinstaub, die besonders in Seoul gut bemerkbar ist. All dies wird aber nicht als Umweltproblem wahrgenommen. Die Leute haben seit dem Nachlassen des Booms der 80er Jahre Angst um ihren Wohlstand und kümmern sich vor allem um ihre Bildung. Schon 3-Jährige besuchen teure Lerninstitute, damit sie später an eine gute Universität und von dort in ein renommiertes Unternehmen kommen. Es bleibt wenig Raum für andere Dinge. In so einem Spannungsfeld zu erklären, dass wir ohne Umwelt keine Zukunft haben, ist schwierig. Ich mache es trotzdem immer wieder (lacht).

Wie sieht deine Sensibilisierungsarbeit konkret aus?

Ich halte zahlreiche Vorträge und mit Kindern mache ich viel Erlebnispädagogik. Oft im Rahmen von Sommerfreizeiten für Kinder und Jugendliche. Ich fahre mit den Gruppen an den Naeseong-Fluss. Dort geht es ums Erfahren, Wahrnehmen und Spass haben am und im Fluss. Es ist ein grosses Problem, dass es in Seoul keine Möglichkeit gibt, unstrukturiert zu spielen. Es muss immer ein Spielplatz, ein Kids-Café, ein Event- oder Themenpark sein. Ungestaltete Natur gibt es wirklich wenig. Ich glaube fast das ist gewollt, weil man nichts damit verdienen kann.

Worum geht es in den Vorträgen?

Das kommt ganz auf die Zielgruppe an. Mal sind es Studentinnen, mal Pastoren, mal Kinder, mal Senioren. Bei meiner Netzwerkarbeit geht es manchmal um theoretische Grundlagen und manchmal auch um ganz praktische Dinge: Wir können eine Alternative leben, wir müssen nicht jeden Tag zwei oder drei Pappbecher wegwerfen und viel Müll produzieren. Wir müssen nicht immer das Licht anhaben. Das Auto muss nicht laufen, wenn ich nicht drin sitze. Mir geht es darum, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Mit Kindern bei der Umweltbildung zu erleben, wie schön Umwelt sein kann: Im Wasser spielen, einfach mal zuhören, wie der Wind in den Bäumen raschelt. Und zu sagen: Darauf müssen wir aufpassen, das muss uns auch etwas Anstrengung wert sein.

Wo stösst Du bei Deiner Arbeit an Grenzen?

Meine ersten Unterrichtseinheiten sind allesamt gescheitert. Das Publikum hat nicht verstanden, was ich vermitteln wollte. Ob es an der Sprache oder an der Kultur lag, kann ich nicht sagen. Es kam keine Rückmeldung. Inzwischen weiss ich besser, wie ich die Menschen begeistern kann. Sprachlich aber stosse ich noch immer an Grenzen. Zwar spreche ich in inzwischen gut Koreanisch, aber Vorträge, die eine akademische Sprache erfordern, kann ich nicht allein vorbereiten. Zudem ich bin eine junge Ausländerin. Das ist gesellschaftlich nicht die beste Position um den Leuten zu erzählen, was sie tun und lassen sollen. Gerade bei Pastoren, grösstenteils älteren Männern, habe ich schon oft Probleme mir Respekt zu verschaffen. Das wird sich wohl auch nicht so leicht ändern, zumindest nicht bis ich 50 bin oder einen Doktortitel habe.

Was gibt es an positiven Begegnungen?

Zum Glück sehr viele. Es ergeben sich Gespräche an der Bushaltstelle, beim Essen im Restaurant oder direkt am Fluss. Das Netzwerk wächst stetig. Nur ein Beispiel: Neulich hat das Ökozentrum der Presbyterianischen Kirche in Seoul eine Talkshow mit Konzert veranstaltet. Die Redner auf dem Podium waren lauter Leute, die ich vorgeschlagen hatte. Ich habe inzwischen genug Kontakte, um ein Podium zu füllen! Man darf sich in einem Einsatz wie meinem nicht entmutigen lassen. Man muss Selbstbewusstsein haben, eine gewisse Frechheit, um Dinge einfach mal zu machen und zu schauen, was passiert. Vielleicht ist es Gottvertrauen.

Trotz aller Erfolge: Der Widerstand gegen den Staudamm ist zwecklos. Woher nimmst Du die Motivation, um weiter zu machen?

Meine Motivation ist, ein Umweltbewusstsein in die Gesellschaft zu tragen. Das ist eine Wahnsinnsaufgabe. Aber wenn mein Kollege mir stolz seinen neuen Thermobecher zeigt und sagt: «Mein letzter Pappbecher war gestern!» - dann weiss ich, ich habe irgendwas bewirkt! (lacht) Ist es nicht das, was Mission ausmacht: Nicht überzeugen, sondern überzeugt sein. Kürzlich habe ich das konkret erlebt. In einem koreanischen Missionswerk, das junge Leute ins Ausland entsendet, hielt ich einen Vortrag. Danach habe ich mit den jungen Leuten bis spät in die Nacht zusammengesessen und über Träume und Ziele gesprochen. Solche Begegnungen sind grossartig. Im Gespräch mit diesen Menschen war es mir wichtig zu sagen: Der Fokus ist nicht: Wir gehen und tun. Sondern: Wir gehen und lassen geschehen. Viele Dinge muss man passieren lassen. Auch wenn sie ihre Zeit brauchen.

Interview & Text: Lea Wirz & Miriam Glass

Karina Schumacher arbeitet im Auftrag von Mission 21 und der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS) bei der Presbyterian Church in the Republic of Korea (PROK) im Projekt Stärkung der Umweltbewegung in Südkorea (Nr.: 276.2521).

 
 
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