Wednesday 25. January 2017

Nächstenliebe und Menschenrechte

«Welche Werte gelten?», diese Frage nach einem gemeinsamen Nenner für eine multikulturelle und multireligiöse Gesellschaft zog. Über 80 Interessierte holten sich an der interreligiösen Fachtagung von Mission 21 neue Impulse und diskutierten engagiert.

Die Tagung bot ein breites Spektrum an Zugängen zum Thema: Religiöse und philosophische sowie schulpraktische und gesellschaftskritische Überlegungen flossen in die Wertediskussion ein. Einen grundlegenden Einblick in ein aufgeklärtes islamisches Werteverständnis vermittelte Mouhanad Khorchide, der als Professor für islamische Religionspädagogik in Münster (D) lehrt. Er vertritt die Haltung, dass es in unserer Gesellschaft einen gemeinsamen Nenner an Werten braucht. Dazu gehören verhandelbare - aber auch unverhandelbare Werte. Unverhandelbar ist für Khorchide die Würde des Menschen. Sie sei sowohl aus dem Koran wie aus der Bibel zu begründen - und gehört auch zur allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Diese Würde macht jeden Menschen einzigartig und ist Basis für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und mit dieser Würde ist die Beziehung zu Gott eine dialogische, die auf Liebe und Kommunikation ausgerichtet ist. Anders die monologische Beziehung, die aus dem Menschen ein Objekt macht, das - überspitzt formuliert - vor allem Normen einhalten muss.

Aktuelle gesellschaftliche Herausforderung ist es, dass diesem monologischen Religionsverständnis viele muslimische Theologen und Gläubige anhängen. Es biete Identitätsstiftung an, die nicht hinterfragt werden muss, bedauert Khorchide.

Dialog als Konfliktlösungswerkzeug

Detlef Lienau, Studienleiter bei Mission 21, knüpfte in seinem Referat an das Dialogische an: Mission bedeute, mit der Welt in Kontakt zu stehen. Sobald fremde und eigene Werte nicht kompatibel seien, sei die Dialogfähigkeit noch stärker gefragt. Im Austausch über Werte könne das Finden von Alternativen überraschende und überzeugende Lösungen bringen.

Für Magdalena Zimmermann, Abteilungsleiterin Bildung bei Mission 21, ist Vertrauen eine wichtige Voraussetzung für einen gelingenden Wertedialog. Für den Aufbau eines tragfähigen Vertrauens sei jedoch Zeit nötig. Ein Weg, um dieses Vertrauen herzustellen, sei eine Versachlichung des Konflikts. Möglich wird dies, wenn über die Interessen diskutiert wird, die mit den Werten zusammen hängen, anstatt über die Werte selbst. Diese Haltung vergrössere die Chance aufs Finden einer gemeinsamen Lösung.

Kein Gesetz wegen «Handschlag-Verweigerung»

Als Praktiker, der bis 2014 für Bildung im Kanton Basel-Stadt verantwortlich war, bot Hans Georg Signer klar strukturierte Überlegungen zur Rolle der Schule in unserer multiethnischen Gesellschaft. Er konstatierte, dass die Schule den grössten Beitrag zur Integration in der Gesellschaft leiste. Signer sieht unsere demokratische Gesellschaft vor allem als Rechtsgemeinschaft. Die Schule, mit ihrem Auftrag, soziale Kompetenz zu fördern, bilde zusätzlich eine Wertegemeinschaft, wo etwa Respekt oder Toleranz gelten und gelehrt werden sollten. Auf diesem Hintergrund sollten zwar kulturelle Konflikte, die rechtliche Probleme auslösen (zum Beispiel wenn Eltern ihren Töchtern das Recht auf Schwimmunterricht verweigern), mit rechtlichen Mitteln gelöst werden. Wenn es hingegen um Regelungen zum Zusammenleben in der Schule gehe, dann seien Verschärfungen von Gesetzen oder gar der Verfassung der falsche Weg. Im Fall von zwei muslimischen Teenagern an einer Therwiler Schule, die ihrer Lehrerin den Handschlag verweigerten, würde eine einfachere Lösung genügen; zu finden an der Schule selbst oder mit einem schulübergreifenden Gremium. Denn - so Signer - Schulen und Lehrkräfte seien geübt im Lösen von solchen Problemen und vertrauenswürdige Gesprächspartner.

Menschenrechte als verbindliche Basis

Multireligiöse und -kulturelle Erfahrungen brachte auch die Muslimin, Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş aus Berlin ein. Ihr Resümee ist ernüchternd. Auf muslimischer Seite seien die Strukturen festgefahren. Gegenüber dem Islam sei die Wahrnehmung durch Vorurteile geprägt. Was also sei zu tun? Sich an Fakten halten und an den Menschenrechten orientieren, betont die Juristin. Flüchtlinge, die in die Schweiz oder nach Deutschland kämen, bräuchten zuerst einmal Verständnis und liebevolle Unterstützung, wenn sie von Krieg und Leid traumatisiert seien. Es sei dann aber auch wichtig, klar zu reagieren, wenn etwa Männer die Freiheit ihrer Frauen einschränkten wollten, also die Regeln des Zusammenlebens in unseren Ländern zu missachten. Diese Regeln stünden über der Religionsfreiheit und müssten klar kommuniziert werden, erklärt die Anwältin Seyran Ateş.

Nächstenliebe

In der zweiten Nachmittagshälfte wurde schliesslich rege diskutiert. In den Workshops mit den Referierenden und auch beim abschliessenden Podiumsgespräch. Als Kern schälte sich auf dem Podium der Wert der Nächstenliebe als verbindendes Element heraus. Die Nächstenliebe, so betonten alle Referierenden, sei sowohl ein bereichernder Wert des Islams als auch des Christentums. Und sie überrage den - ebenfalls positiven - «vernünftigen» Umgang der Menschen untereinander.

Text: Christoph Rácz, Fotos: Lea Wirz

 
 
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