Monday 02. January 2017

Aha-Erlebnisse mit Abraham und Ibrahim

Abraham gilt im Christentum, Judentum und Islam als «Vater des Glaubens». Sowohl im Alten Testament/der Thora als auch im Koran gibt es Erzählungen über ihn. Spannend ist diese Figur für den interreligiösen Dialog, weil sich das Judentum und später Christentum auf Abrahams Sohn Isaak bezieht, der Islam auf den Sohn Ismael. Rund 20 Interessierte gingen beim «Dialog International» von Mission 21 am 12. Januar 2017 auf Spurensuche.

Zunächst skizzierte der evangelische Theologe Uwe Hummel die biblische Abraham-Erzählung. Es ist die Geschichte eines Nomaden, der immer wieder neu aufbricht. Im Zentrum steht die Verheissung Gottes. Er begegnet Abraham und sagt ihm, dass er einen Bund mit ihm schliessen will: Abraham soll der Vater vieler Völker werden. Seine Frau Sarai ist schon alt. Abraham will Gottes Verheissung erfüllt sehen und zeugt einen Sohn mit der Magd Hagar: Ismael. Doch dann wird Sarai tatsächlich noch schwanger und bekommt den Sohn Isaak. Gott will beide Söhne segnen, den Bund aber will er mit Isaak, dem verheissenen Sohn, schliessen.

Im Anschluss an Hummels Einführung sprach der Imam Muris Begovic über die Figur Ibrahim im Koran. Der Koran enthält keine einheitliche Ibrahim-Erzählung, aber dieser wird in 25 Suren erwähnt. Die Puzzleteile fügen sich zu einer poetischen Geschichte über einen Mann zusammen, der immer nach der Wahrheit sucht. Er kehrt den steinernen Götzen seiner Zeit den Rücken zu und sucht den lebendigen Gott. Er sucht ihn in den Gestirnen, bis er zu dem Ergebnis kommt, dass der wahre Gott diese alle erschaffen haben muss. Er wird Halil genannt, der Freund Allahs.

Ein schwieriges Opfer
In der Bibel fordert Gott Abraham auf, Isaak zu opfern. Im letzten Moment verhindert er es, doch Abraham wäre dazu bereit gewesen. Uwe Hummel legte dar, dass dies eine «klare Absage an den Kinder-Opferkult jener Zeit» gewesen sei. Im Koran wird nur von dem «Sohn» geschrieben, doch die arabische Tradition deutet es so, dass Ismael geopfert werden soll. Abraham fragt seinen Sohn, «was meinst du dazu?» - und dieser zeigt sich einverstanden. Allah sieht den Gehorsam und lässt stattdessen ein Schlachttier opfern.

In Kleingruppen wurde Vers für Vers an den Erzählungen gearbeitet. Die Texte warfen vor allem viele Fragen auf: Ist es nicht ungerecht, dass Gott Isaak gegenüber Ismael bevorzugt? Was ist der Grund dafür, dass Gott Abraham auserwählt - sein Vertrauen oder sein Gehorsam? Wer ist der Erzähler im Koran, wo immer von «wir» die Rede ist? Imam Begovic erläuterte, dass Allah selbst der Erzähler sei. Der Koran werde im Islam als direktes Wort Gottes verstanden. Deshalb dürfe auch nichts verändert oder hinzugefügt werden - laut Begovic sei dies ein Grund, warum es keine weiteren Erzählungen über Abraham in der islamischen Literatur gebe. Im jüdisch-christlichen und westlichen Diskurs hingegen taucht die Figur Abraham sehr oft auf.

Zurück zu den Wurzeln
Schliesslich wurde beim «Dialog International» der interreligiöse Dialog selbst thematisiert. Dieser setze da an, wo der Koran Lücken in der Erzählung liesse, die einer Interpretation bedürften, so Muris Begovic. Berichte aus der Bibel seien durchaus auch für Muslime bereichernd, denn auch die Bibel enthalte Offenbarungen, sagte der Imam. Der Theologe Uwe Hummel, der im Auftrag von Mission 21 in Indonesien arbeitet, sagte, die Auseinandersetzung mit den gemeinsamen Wurzeln des Glaubens fördere die Versöhnung und helfe, einander zu lieben. Einig waren sich beide, dass das nähere Befassen mit den Texten selbst der Schlüssel für vertieftes Verständnis sei; die vielen Interpretationen, die dann teilweise zu Dogmen wurden, verhärteten die Fronten und schlössen Andersglaubende aus. Ein Aha-Moment für viele Anwesende war die Feststellung Begovics, dass man im interreligiösen Dialog eigentlich Jesus und nicht die Bibel dem Koran gegenüberstellen müsse: Denn für die Muslime sei Allah durch den Koran zu den Menschen gekommen, für Christen durch Jesus Christus.

Offen für andere
Die Besucherinnen und Besucher der Veranstaltung waren konzentriert dabei. Karima Zehnder von «Inforel», einer Informationsstelle über Religionen in Basel, wollte mehr über die gemeinsamen Ursprünge von Christentum und Islam erfahren und fand es interessant, die verschiedenen Darstellungen Abrahams zu vergleichen. Maja Studer besucht derzeit einen Theologiekurs für Erwachsene und ist gekommen, um ihre Kenntnisse über Abraham zu vertiefen. «Ich nehme mit, dass Gott und die Ehrfurcht vor ihm in beiden heiligen Schriften das Wichtigste ist», sagte die 67-Jährige.

Halil Coruk kam auf Rat seines Bruders, dessen Imam Muris Begovic ist. Auf dem Papier sei er Muslim, doch «wie viele meines Alters habe ich mich nicht vertieft damit auseinandergesetzt». Sein Eindruck von dem Abend? «Die Geschichte von Abraham aus beiden Perspektiven zeigt viel über das Leben und steckt voller Weisheiten.» Ausserdem findet der 22-Jährige: «Heute wird Religion als Waffe eingesetzt. Das betrifft uns alle, deshalb wäre es gut, wenn sich mehr Menschen damit befassen würden. Ich habe heute Abend Menschen erlebt, die sich zu einer Religion bekennen und offen für andere sind. Das ist toll!»

Text und Fotos: Dorothee Adrian, Team Öffentlichkeitsarbeit

 
 
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