Thursday 19. January 2017

Ein Jahr Hongkong – Fabienne Reber blickt zurück

Fabienne Reber war mit dem Professional Exposure Programm (PEP!) von Mission 21 ein Jahr lang in Hongkong. Dort hat sie im Projekte «Soziale Gerechtigkeit für Migrantinnen und Industriearbeiter» ausländische Hausangestellte beraten. Wie blickt sie auf dieses Jahr zurück?

Was nimmst Du mit von deinem Jahr in Hongkong?

Ich nehme mit, wie privilegiert ich bin. Und ich bin aufmerksamer geworden gegenüber unsichtbaren Menschen in der Gesellschaft. Ich habe erfahren, dass Recht und Gerechtigkeit nicht immer das gleiche ist. Und dass es Solidarität über Religionsgrenzen hinweg gibt. Die «Christian Action», die das Projekt in Hongkong trägt, ist eine christliche Organisation. Über 80 Prozent der Klientinnen sind aber Musliminnen.

Was meinst Du mit «unsichtbaren Menschen»?

Die ausländischen Hausangestellten bilden in Hongkong eine grosse Gruppe, die viel Raum einnimmt und wichtige Aufgaben erfüllt. Trotzdem sind sie irgendwie unsichtbar. Und auch ich war in dem Jahr zwischen allen sozialen Schichten: Ich war weder eine von ihnen, noch eine reiche Ausländerin und auch keine Einheimische. Das war eine spannende Erfahrung. Aber deswegen gebe ich mir jetzt zum Beispiel mehr Mühe, dass ich dem Busfahrer «Merci» sage, wenn ich aussteige. Oder der Kassiererin im Laden. Sie tragen zu meinem Leben bei und ich nehme sie kaum wahr.

Was hat dich am meisten beeindruckt während deines Aufenthalts?

Die Fröhlichkeit und der Mut, die viele der ausländischen Hausangestellten haben. Sie lassen so viel zurück und haben einen grossen Berg von Problemen, aber ich habe sie nie weinen gesehen. Das hat mich beeindruckt.

Viele der Probleme der Frauen sind strukturell bedingt. Hattest Du das Gefühl, Du kannst etwas bewirken?

Diese Frage hat mich sehr beschäftigt. Wenn ein Problem gelöst ist, wartet schon das nächste. Da gibt es viel Frustpotential. Linda, die Leiterin der Beratungsstelle, arbeitet seit elf Jahren dort und kämpft für die Frauen. Dass sie trotzdem weitermacht, obwohl es nur kleine Fortschritte gibt, bewundere ich sehr.

Kannst Du ein Beispiel dafür nennen?

Wir haben einer Frau geholfen und sie hat 8000 Hongkong Dollar Entschädigung von ihrem alten Arbeitgeber bekommen. Das sind rund 1000 Schweizer Franken, also nicht viel Geld. Nachdem wir das Gericht verlassen hatten, kaufte sie als erstes eine Uhr für ihren Ehemann. Die Uhr hat nicht einmal funktioniert. Da dachte ich schon «Nein, das ist doch nicht nötig!» (lacht). Aber das ist ihre Sache.

Wie konntest Du mit den Schicksalen der Frauen umgehen? Ging dir das nahe?

Dass ich mich nicht würde abgrenzen können, hat mir mehr Angst gemacht, als dass es dann tatsächlich ein Problem war. Aber manche Fälle beschäftigen mich jetzt noch. Vieles ist einfach unfair! Hongkong ist jedoch eine lebendige Stadt und ich hatte mit den anderen PEP!lern ein super Verhältnis. Wir haben viel unternommen und nicht nur über die Arbeit geredet. Dadurch hatte ich auch noch ein Leben neben der Arbeit. Das war gut so.

Was hat dir besonders gut gefallen an deinem Aufenthalt?

Das Grossstadtleben und Hongkong selbst. Es ist immer etwas los! Obwohl man immer ein bisschen eingeengt ist (lacht). Und das Multikulti. An meiner Abschiedsparty waren Leute von ungefähr dreizehn Nationen. Das war toll! Und es war ein Jahr ohne Routine. Schon nur kulinarisch: Ich habe fast jeden Tag was anderes gegessen. Mein einziger Fixpunkt neben der Arbeit war eine Stunde Yoga in der Woche.

Würdest Du im Rückblick etwas anders machen?

Ich würde mehr Indonesisch lernen. Bis zum Schluss meines Aufenthalts war eine Sprachbarriere vorhanden. Obwohl ich einiges verstanden habe, habe ich selten auf Indonesisch gesprochen und die anspruchsvollen Fälle sind bei den Indonesischen Muttersprachlerinnen gelandet. Das ist auch richtig, damit sich die Frauen verstanden fühlen. Da aber immer mehr Frauen aus Sri Lanka und den Philippinen kommen, konnte ich viele Besprechungen auf Englisch führen. Aber ja, ich würde mehr Indonesisch lernen, wenn ich etwas anders machen könnte.

War die rechtliche Beratung an sich nicht schon sehr anspruchsvoll?

Doch, aber es hat «gfägt» und ich habe es sehr gerne gemacht. Man kann sich reindenken. Es sind oft ähnliche Fälle und man lernt die entsprechenden Gesetzesgrundlagen dazu gut kennen. Ausserdem gab es eine gute Zusammenfassung des Arbeitsrechts und ich konnte mich rasch einarbeiten.

Würdest Du das PEP! weiterempfehlen?

Alles in allem war es für mich eine grossartige Erfahrung. Ich habe das turbulente Grossstadtleben genossen. Aber es gab natürlich auch schwierige Momente, zum Beispiel als ich Käfer in meiner Wohnung hatte und umziehen musste. Da musste ich Entscheidungen treffen und über mich hinauswachsen. Aber ich weiss jetzt, dass ich mich in der Fremde und im Grossstadtdschungel zurecht finden kann und das ist toll. Deshalb «Ja», ich würde das Programm weiterempfehlen!

Interview: Lea Wirz, Team Öffentlichkeitsarbeit

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