Thursday 30. March 2017

«Gott ist eine schwarze Frau, die Kekse backt»

Wer definiert, wie oder wer Gott ist? Die brasilianische Theologin Silvia Regina de Lima Silva wünscht sich eine befreiende Theologie, die verschiedene Erfahrungen ins Gespräch bringt. Ein Plädoyer, aufgezeichnet von Dorothee Adrian.

Silvia Regina de Lima Silva

«Als ich anfing, Theologie zu studieren, hatte ich dieses Bild vor Augen: Die Erfahrung des Göttlichen ist etwas Nährendes, Süsses, Begehrenswertes - wie eine Schachtel voller Kekse. Die katholische Kirche hat nur bestimmten Männern diese Kekse gegeben. Die haben sie aber nicht verteilt, sondern hoch oben in einen Schrank getan, die Tür abgeschlossen und den Schlüssel versteckt. Wie kann das sein?

Als Jugendliche beunruhigten mich die Ungerechtigkeiten, mich bewegten die sozialen Fragen. Meine Mutter war engagiert in der katholischen Kirche und ich begleitete sie. Sie hatte einen starken, aber kritischen Glauben und war politisch sehr engagiert. Sie hatte so eine schöne Vorstellung von Gott, der weit und liebevoll und für alle da ist. Prägend war für mich auch meine Grossmutter: eine dicke schwarze Frau, die mich herzlich und fest in den Arm nahm. In den schwierigen Situationen meines Lebens stellte ich mir vor, dass Gott mich genauso herzt wie meine Grossmama.

Nahrung und Genuss
Bei der Abschlussfeier ihrer Lehrerausbildung ist Silvia de Lima die Festrednerin. Ich wollte in den Basisgemeinden arbeiten, sozusagen die Kekse verteilen. Dafür brauchte ich eine Ausbildung. Bei uns in der Nähe gab es eine theologische Fakultät. Das Studium war aber, weil es aufs Priesteramt vorbereitete, Männern vorbehalten. Ich musste richtig kämpfen und Überzeugungsarbeit leisten, bis sie mich schliesslich als erste Frau aufnahmen. Zunächst studierte ich Philosophie, dann Theologie.

Ich spreche von den Keksen, weil sie einerseits nähren, aber auch mit Genuss zu tun haben. Sonst könnte ich von Brot oder Reis reden. Aber für mich hat Gott etwas mit einer Schönheit zu tun, die weit über das Notwendige hinausgeht.

Eine biblische Geschichte beeindruckt mich in dem Zusammenhang. Die dominierende Religion zur Zeit Jesu war sehr auf den Tempel, auf Opfer und Gesetze zentriert. Jesus eröffnete Möglichkeiten für Beziehungen, für Leben und Freude. Er sagte: Gott ist für alle da! Er nahm die Schwere. Und als das empfinden Menschen Religion doch oft: als Last. Jesus verteilte also Kekse. An alle! Das ärgerte die religiösen Führer. Jesus wurde bedroht, er sollte gefangen genommen werden. Und mitten in einer Situation voller Gewalt und Macht kommt eine Frau zu ihm. Sie zerbricht die Flasche mit teurem Parfüm und wäscht Jesus die Füsse. Alle empören sich: Wie kannst du so etwas Kostbares verschwenden? Die Frau hat die Schönheit und Leichtigkeit von seiner Botschaft erfahren und wollte etwas zurückgeben. Für mich heisst Theologie: eine Sprache finden für die Gottes-Erfahrung. Es muss um konkrete Kontexte und Menschen gehen. Es ist keine rein geistige Angelegenheit sondern betrifft unser ganzes Leben. Dabei sehe ich die gesellschaftliche und politische Dimension als zentral an.»

» Lesen Sie hier den ganzen Text, erschienen im «auftrag» 1/2017 (PDF) 

» Mehr über das Ökumenische Forschungs- und Ausbildungszentrum (DEI) in Costa Rica, das Silvia Regina de Lima Silva leitet

 
 
Kontakt

Christoph Rácz
Medienbeauftragter
Leiter Öffentlichkeitsarbeit
Tel. +41 61 260 22 49
» E-Mail