Monday 11. September 2017

Eine gute Portion Herzenskraft

In Zeiten von Populismus schlagen die Wellen beim Thema Flucht und Migration hoch. Anders beim Ethno-Pschychoanalytiker Mario Erdheim. Der Hauptreferent eröffnete bei der Veranstaltung «Horizonte weiten» am Samstag, 30. September, andere Perspektiven. Er sieht Fremdes und Fremde mit Gelassenheit.

Dem Fremden in einem selbst nachspüren: Mario Erdheim brachte neue Perspektiven in die Migrations-Debatte ein.

Hat die Herausforderungen und Freuden bei der Arbeit mit Migrantinnen in Hongkong erlebt: Sozialarbeiterin Stefanie Wirz.

«Ich bin noch nie so viel und intensiv geliebt worden, wie in den letzten Monaten»: Schwester Anni Reinhard über ihre Arbeit im «Café Mama».

«Reden Sie mit den Jugendlichen!» Psychiaterin Fana Asefaw warb um Verständnis.

In seinem Vortrag, einem «intellektuellen Leckerbissen», wie Studienleiter Detlef Lienau kommentierte, nahm Mario Erdheim die Angst vor «den Fremden» auseinander. Menschen würden negative Eigenschaften auf andere projizieren, um sich vermeintlicher Probleme zu entledigen, nach dem Motto: «Wenn wir die Flüchtlinge los sind, sind wir die Probleme los.» Ein brandgefährlicher Ansatz. Viel sinnvoller sei ein differenzierter Umgang mit den eigenen Fremdheiten. Unbekanntes könne zudem nicht nur Angst, sondern auch Neugierde auslösen. Und wenn Fremdes vertraut werde, könne dies enorm bereichern, so Erdheim. Beim Publikum stiess der 77-Jährige auf offene Ohren: fast alle sind selbst in der Flüchtlings-Arbeit aktiv. 

Migrantinnen in Hongkong
Zu einem gedanklichen Exkurs nach Indonesien und Hongkong lud die Sozialarbeitern Stefanie Wirz. Dort unterstützte sie eine Partnerorganisation von Mission 21, die eine Anlaufstelle für ausgebeutete indonesische Hausangestellte bietet. Der Blick nach Asien machte klar: Migration betrifft nicht nur Europa, ganz im Gegenteil.

«Basel gyygt» und andere Initiativen
«Ich bin noch nie so viel und intensiv geliebt worden, wie in den letzten Monaten», stieg Schwester Anni Reinhard von der Communität Steppenblüte in ihren Workshop ein. Denn seit einigen Monaten arbeitet sie unter anderem im «Café Mama» in Muttenz mit, einer Anlaufstelle für neu angekommene Flüchtlinge. Beim Projekt «Basel gyygt» lernen länger hier lebende zugewanderte Kinder und Jugendliche Geige spielen. Ja, die Arbeit sei herausfordernd, aber enorm bereichernd. Es wurde aber auch klar, dass es in der Arbeit mit Geflüchteten viel Geduld braucht.

Diese Geduld braucht auch Roland Luzi, der in zwei Bundesempfangszentren für Flüchtlinge als Seelsorger arbeitet. Viele haben enorme Nöte, das System macht ihnen das Ankommen oftmals schwer, und Integration sei eine Aufgabe über Jahre. Luzi wünschte sich noch mehr Privatpersonen oder Familien, die wie Göttis zu Ansprechpartnern für Einzelne werden. «Wir können nicht zu hunderten Personen gleichzeitig schauen», so Luzi.

«Warum verschlafen die Jugendlichen meine Deutschkurse?»
Um ganz praktische Fragen ging es im Workshop mit der Psychiaterin Fana Asefaw. Sie hat eritreische Wurzeln und kennt daher verschiedene Kulturen sehr gut. Sie erläuterte, warum viele Jugendliche aus Eritrea überfordert seien von der grossen Freiheit einerseits und der Perspektivlosigkeit andererseits. Denn die Zwangsrekrutierung 16-Jähriger in Eritra ist inzwischen kein anerkannter Asylgrund mehr. Asefaw wünscht sich eine Veränderung des hiesigen Integrationskonzeptes. Die Jugendlichen bräuchten mehr Anreize, um sich zu entwickeln, ist sie überzeugt. 

Engagiert und offen nahm die Psychiaterin alle Fragen aus der Runde entgegen. Eine ehrenamtliche Deutsch-Lehrerin ärgerte sich darüber, dass eritreische Jugendliche regelmässig den Unterricht verschliefen. «Machen Sie den Jugendlichen klar, dass Sie sich extra Zeit nehmen für den Kurs und auch anderes zu tun hätten. Treffen Sie verbindliche Vereinbarungen. Erst dann merken die Jugendlichen, dass es nicht egal ist, ob sie kommen, oder nicht», sagte Fana Asefaw. Denn aus einem patriarchalen System kommend, würden sie nur «klare Ansagen» kennen – und auch erst einmal brauchen. Oftmals sei das Hinzuziehen eines muttersprachlichen Kulturvermittlers sinnvoll.

Überzeugende Kulturvermittlung geschah auch im Rahmen der diesjährigen Veranstaltung «Horizonte weiten». Ein Besucher fasste zusammen, in der Arbeit mit Geflüchteten brauche es «eine gute Portion Herzenskraft». Und die hätte er am Seminartag auch gespürt.

Text und Fotos: Dorothee Adrian, Team Öffentlichkeitsarbeit

 
 
Kontakt

Christoph Rácz
Medienbeauftragter
Leiter Öffentlichkeitsarbeit
Tel. +41 61 260 22 49
» E-Mail