Tuesday 24. October 2017

Marie Hesse: engagierte Missionarin und berühmte Mutter

Die spätere Mutter von Hermann Hesse und Missionarstochter wurde vor 175 Jahren, am 18. Oktober 1842, geboren.

Marie Hesse kam als Missionarskind in Indien zur Welt. Ihr Vater, Dr. Hermann Gundert, ist eine der bekanntesten Missionsgestalten des 19. Jahrhunderts. Seine Tochter Marie ist die Mutter eines Kindes, dessen Erziehung nicht immer leicht war, und das eines Tages ein berühmter Dichter werden sollte und sogar den Literaturnobelpreis erhielt: Hermann Hesse.

Marie Hesses Eltern Julie und Hermann Gundert gehörten zu den ersten Missionsehepaaren der Basler Mission. Als sich bei ihnen nach und nach Nachwuchs einstellte, wurden sie mit der Frage konfrontiert: Was soll eigentlich mit den auf dem Missionsfeld geborenen Missionarskindern geschehen? Welche Schulbildung sollen sie erhalten? Wo sollen sie aufwachsen: im Heimatland oder im Missionsland? Schweren Herzens entscheiden sich die Gunderts für die erstere Variante.

Im Herbst 1846 lassen sie daher nach einem mehrmonatigen Heimataufenthalt ihre beiden Söhne Hermann (7 J.) und Samuel (6 J.) wie auch die noch nicht ganz 2-jährige Christiane bei den Großeltern in Stuttgart zurück. Die damals vier Jahre alte Marie kommt zum Ehepaar Ostertag in Gundeldingen bei Basel. Ostertags haben selbst keine Kinder. Daher nehmen sie das "Missionstöchterlein" gerne bei sich auf, damit dieses in der Heimat Erziehung und Schulausbildung erhält. Marie hängt sehr an ihren "Vizeeltern".

Hingabe an den Missionsgedanken

Mit zwölf Jahren wird sie dann in das Christliche Mädcheninstitut nach Korntal gegeben. Ende 1857 darf sie zu ihren Eltern nach Indien zurückkehren. Auf der langen Schiffsreise verliebt sich die gerade erst fünfzehn Jahre alt gewordene Marie unsterblich in den englischen Junggesellen John Barns. Für beide steht fest, dass sie heiraten wollen. Umso schwerer trifft es das junge Mädchen, als sich dem ihre Eltern entschieden widersetzen.

Schon bald nach dieser schweren Enttäuschung hat die Jugendliche eine Begegnung mit dem Missionar Samuel Hebich. Er wird ihr Seelsorger. Sie ist fortan bereit, ihr Leben ohne jeglichen Vorbehalt Gott und seiner Sache anheim zu stellen. "Ihr inneres Schwergewicht", so ihre Tochter Adele später, "begann sich, trotz heftiger Rückschläge, aus dem Persönlichen ins Überpersönliche zu verschieben, sie opferte ihre Liebe und versöhnte sich mit den Eltern in der gemeinsamen Hingabe an den Missionsgedanken."

1859 muss Hermann Gundert aus gesundheitlichen Gründen Indien verlassen. Die Familie wohnt nun in Calw, wo Maries Vater als Leiter des mit der Basler Mission ideell verbundenen Calwer Verlagsvereins tätig ist. 1865 reist Marie wieder nach Indien aus, um dort den jungen Missionar Charles Isenberg, der um sie zuvor geworben hatte, zu heiraten.

Rückkehr nach Deutschland

Mit großem Eifer versieht das junge Paar seinen Missionsdienst in Haiderabad, das heute zu Pakistan gehört. Doch das ungesunde Klima zehrt an der Gesundheit von Charles Isenbergs. Schließlich wird der todkrank. Marie muss mit ihm sowie den beiden kleinen Söhnen Karl und Theodor nach Deutschland zurückkehren, wo ihr Mann ein halbes Jahr später stirbt.

Die noch junge Witwe kehrt mit ihren beiden Kindern wieder nach Calw zu den Eltern zurück. 1874 heiratet sie den Missionar Johannes Hesse. Der war seit Dezember 1973 von der Basler Mission nach Calw geschickt worden, um hier Dr. Hermann Gundert in seiner umfangreichen Tätigkeit zu unterstützen. 1881 zieht Marie mit ihrem Mann und ihren Kindern nach Basel, wo Johannes Hesse für die Basler Mission das Missionsmagazin herausgibt sowie am Missionshaus als Lehrer tätig ist.

Dann kehrt die Familie nach fünf glücklichen Jahren wieder nach Calw zurück. Wiederum ist Johannes Hesse als Mitarbeiter seines Schwiegervaters im Calwer Verlagsverein tätig. Nach Gunderts Tod im Jahr 1893 wird er dann sein Nachfolger. Neben der Erziehung ihrer insgesamt sechs Kinder ist Marie Hesse ebenfalls in der Verlagsarbeit tätig, ihren häufig kranken Mann unterstützend. Für die erfolgreiche Buchreihe "Calwer Familienbibliothek" verfasst sie u. a. eine Biografie über den Missionar und Afrikaforscher David Livingstone. Im Verlauf ihrer fast 28 Jahre in dieser Ehe wird sie verschiedentlich von überaus schweren Erkrankungen heimgesucht. 1902 stirbt sie dann an einem qualvollen Nierenleiden. Ihren zuversichtlichen und dankbaren Glauben an Gott hat sie bis zuletzt behalten.

Text: Matthias Hilbert, Bild: Buchcover

Matthias Hilbert: "Hermann Hesse und sein Elternhaus - Zwischen Rebellion und Liebe" (Calwer Verlag).

 
 
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