Friday 15. September 2017

Literatur, die Menschen verändert

Manchmal hat der Wandel zu einer besseren Welt auch mit verstaubten Archivschachteln zu tun, beobachtet Bibliothekarin Claudia Wirthlin in ihrer aktuellen Kolumne.

«Agents of Change: Menschen verändern die Welt»: So heroisch diese Ansage unserer diesjährigen Herbstkampagne klingt, so profan fühlt sich mein Arbeitsalltag derzeit an: Ich stecke mitten in den Vorbereitungsarbeiten zur Einführung der Online-Ausleihe. In stundenlanger Fleissarbeit kleben wir vorgedruckte Strichcode-Etiketten auf unsere Bücher und Broschüren. Pingelig genaues Arbeiten ist angesagt.

Von weltverändernder Kraft spüre ich dabei wenig. Bis ich bei unseren grauen Archivschachteln angelange: Unser Bestand an sogenannt «grauer Literatur» ­- Publikationen, die nicht über den Buchhandel vertrieben werden - wurde früher in thematischen Schachteln abgelegt und jedes einzelne Stück katalogisiert. Übrigens einmalig in der Bibliotheks- und Dokumentationslandschaft Schweiz. Und diese Schachteln entpuppen sich nun als echte Wundertüten! Erwartungsvoll öffne ich die mit «Africa Christian Press» beschriftete Box und staune über Inhalt und Aufmachung der zahlreichen Broschüren zur christlichen Lebensführung aus den 1970er-Jahren.

Die Titel der verschiedenen Druckerzeugnisse sprechen für sich: Boy meets girl, How to choose your life partner oder Marriage before and after. Ein knalloranges Heft, The Stolen Library, springt mir sofort ins Auge. Als Bibliothekarin kann ich nicht widerstehen und beginne zu lesen: der Autor C. A. Odua-Mensah erzählt - basierend auf seinen eigenen Erfahrungen - die Geschichte eines Sekundarschülers, der zahlreiche Schulbücher stiehlt. Am Schluss hat er zu Hause eine riesige Bibliothek stehen, was ihn allerdings nicht davor bewahrt, beim Schlussexamen durchzufallen. Auch eine gestohlene Bibel ist in seiner Sammlung.

Die Geschichte nimmt ihren vorhersehbaren Lauf: er lernt Jesus Christus als seinen persönlichen Erlöser kennen und findet einen Ausbildungsplatz. Aber eine Frage plagt ihn von nun an: ob er am jüngsten Tag vor Gott bestehen kann, wenn er die vor langer Zeit gestohlenen Bücher nicht zurückgibt. Er kommt zu dem Schluss, dass ein Sünder nicht nur Reue zeigen, sondern auch Wiedergutmachung leisten muss. Das Lesen der Bibel hat ihn also vom Bücherdieb zum guten Menschen gemacht. Und Odua-Mensahs Geschichte sollte andere Menschen wohl ebenfalls zum Guten anleiten.

Natürlich ist dieses Beispiel etwas plakativ. Doch Texte transportieren immer Werte und lösen etwas in uns aus. Damit stellt sich mir die Frage: Kann Literatur allgemein den Wandel fördern? Sind also Schreibende «Agents of Change»? Und wie steht es mit den Lesenden? Lesen vermehrt schliesslich das Wissen auf dieser Welt und führt zu mehr Differenziertheit. Der Wandel zum Besseren kann also auch ganz leise geschehen.

P.S. Ob ich wohl unseren Bibliotheksnutzenden öfter die Bibellektüre empfehlen sollte, damit weniger Bücher aus unseren Regalen «verschwinden»?

Text: Claudia Wirthlin, Leiterin der Bibliothek von Mission 21. In ihrer Kolumne «Archiv & Buch» für unser Magazin «Nachrichten» überrascht sie mit Geschichten, Buchtipps und Erlebnissen aus dem Berufsalltag.  

 
 
Kontakt

Christoph Rácz
Medienbeauftragter
Leiter Öffentlichkeitsarbeit
Tel. +41 61 260 22 49
» E-Mail