Saturday 30. September 2017

Luther & Co. steigen vom Podest

Das Theaterensemble Johannes stellt in seinem aktuellen Stück «Lied einer neuen Welt» Inhalte statt einzelne Personen in den Mittelpunkt. Ein humorvoller und zugleich anspruchsvoller Abend.

Luther will nicht mehr im Scheinwerferlicht stehen. (Foto: Jonathan Liechti)

Die Kirche soll die Vielfalt der Gesellschaft abbilden. (Foto: Jonathan Liechti)

Was bleibt von der Reformation übrig? Der PR-Fachmann nutzt Luther auf seine Weise. (Foto: Jonathan Liechti)

Auch die jüngsten des Theaterensembles haben was zu sagen. (Foto: Jonathan Liechti)

Die Laienschauspielgruppe des Theater Johannes in Bern leistet mit ihrer fünften Produktion «Lied einer neuen Welt» einen humorvollen und zugleich kritischen Beitrag zum Reformationsjubiläum. Das Theater greift zahlreiche Themen rund um die Rolle der Kirche und die Vermittlung der Lehre Jesu auf. Wie aktuell sind die Forderungen von Luther heute noch? Wer kann überhaupt noch etwas mit der Bergpredigt anfangen?

PR-Fachmann greift ein
Das Theater lässt zahlreiche fiktive und historische Figuren auftreten, die die biblischen Botschaften für die Menschen von heute zugänglicher machen wollen. Da wäre etwa der PR-Fachmann, der mit einzelnen historischen Figuren Sympathieträger schaffen will, die die Menschen emotional binden sollen.

Schnell zeigt sich, dass weder Luther noch Franz von Assisi sich widerstandslos zu Heiligen verklären lassen. Luther spottet über sich selbst: «Also, dass ich mit einem Hammer in der Hand zu dieser Kirchentür gelaufen sein soll, ist doch historischer Unsinn.» Auch die Spielleitenden haben langsam genug von der ständigen Präsenz Luthers. Sie schieben ihn mal zum Mitsingen in den Chor ab, mal soll er einen einfachen Bauern darstellen. Denn nicht die Personen, sondern die Inhalte der Schrift sollen in den Vordergrund gerückt werden.

Bewegung dank solidarischer Gemeinschaft
Begleitet werden die Schauspielenden vom Chor, der immer wieder das Vater Unser und Sätze aus der Bergpredigt rezitiert. Die Sätze ziehen sich wie ein roter Faden durch das Stück. Die Botschaften daraus sind Inspiration und Vision zugleich. Sie gibt den Resignierten neue Hoffnung und spornt zu mehr Engagement an.

Das Mundartstück unterstreicht zudem die Bedeutung der Gemeinden und der Gemeinschaft. So sind einzelne Vorbilder wie Luther wichtig, aber eine Bewegung kann nur durch eine solidarische Gemeinschaft getragen werden. Das Format des Theaters im Theater erlaubt es, mehrstimmig über die Reformation und ihre Bedeutung für die Kirche heute zu diskutieren. Symbolisch wurden dafür die Podeste von Luther und Co. zu Tischen umfunktioniert: Es dürfen und sollen alle mitreden.

Die Kirche als Wohlfühloase?
Die Kirche soll nicht zu einer «Wohlfühloase» werden, sondern aktiv und engagiert bei der Entwicklung der Gesellschaft anpacken. Und sie soll kein Exklusiv-Club sein, sondern die soziale Vielfalt widerspiegeln. Es war deshalb schön zu sehen, dass beispielsweise auch eine junge Frau im Rollstuhl im Ensemble mitspielte. Und die jüngsten unter den Laienschauspielern präsentierten vom Einrad und Skateboard aus ihre Interpretation der Bergpredigt: Eine lange Wunschliste für ein friedlicheres Zusammenleben und mehr ökologisches Bewusstsein.

In der Pause sammelten einige Theatermitglieder Unterschriften gegen die Finanzierung von Kriegsmaterial durch Schweizer Unternehmen. Wandel fängt eben im Kleinen an. Der Abend regte auf humorvolle Art zum Denken an. Ob den vielen beeindruckenden Menschen, die im Stück vorkommen, war Luther am Ende fast vergessen und das Publikum feierte die Darstellenden gebührend.

 

Nächste Aufführungsdaten: 3., 4., 10., 11. und 12. November 2017

 

AUSSTELLUNG «By God's Grace»
Neben den Theateraufführungen wird das Reformationsjubiläum auch mit einer Ausstellung «By God's Grace» gefeiert. Die Ausstellung zeigt Bilder aus dem Flüchtlingsdorf Gurku in Nigeria, wo sich Christinnen und Muslime gemeinsam ein neues Zuhause aufbauen. Das Theaterensemble unterstützt mit ihren Einnahmen die Projekte der Kirche EYN, der nigerianischen Partnerkirche von Mission 21.

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Christoph Rácz
Medienbeauftragter
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