Tuesday 06. June 2017

150-jähriges Jubiläum der Herrnhuter-Arbeit in Israel / Palästina

Damals wie heute sorgt sich die Kirche um Menschen am Rande der Gesellschaft. Vor 150 Jahren waren es Leprakranke, die Ausgrenzung erlitten. Heute sind es Kinder und Jugendliche mit geistigen Beeinträchtigungen, die von der Herrnhuter Brüdergemeine gefördert werden.

Diakonisse mit Patienten. Bild: Herrnhuter Missionshilfe

Die damalige Jesushilfe. Bild: Tamar Hayardeni

Das Gebäude der damaligen Jesushilfe. Bild: Herrnhuter Missionshilfe

Die Gegenwart der Herrnhuter in den palästinensischen Gebieten: Ein integrativer Kindergarten. Bild: Herrnhuter Missionshilfe

Neben dem Jaffator, am Rande der historischen Altstadt von Jerusalem, wurde vor 150 Jahren, am 30. Mai 1867, ein kleines Lepraspital eröffnet. Damit begann die Arbeit der Herrnhuter Brüdergemeine in der Region, die bis heute auf dem «Sternberg» bei Ramallah fortgeführt wird.

Der Gründung der Lepraarbeit war die Pilgerreise einer frommen, preussischen Adligen vorausgegangen. Baronin von Keffenbrinck-Ascheraden erkannte 1865 bei einem Besuch in Jerusalem die Not von Menschen, die an Lepra erkrankt waren und vollkommen ausgegrenzt wurden. Sie sammelte in Europa Geld für ein «Aussätzigenasyl» und bat die Herrnhuter Brüdergemeine, diese Arbeit zu betreiben.

Die Anfänge der Arbeit in Jerusalem
Das Lepraspital in Jerusalem eröffnete am Himmelfahrtstag 1867 seine Pforten, anfangs mit Platz für 12, bald schon für 19 Patienten. Die Nachfrage nach Behandlungsplätzen war jedoch viel grösser. So wurde 20 Jahre später ein beeindruckender Neubau im heutigen Westjerusalem eröffnet, die sogenannte «Jesushilfe». Eine wirksame Heilung gab es damals noch nicht für Lepra. Umso wichtiger war es aber, dass die Patientinnen und Patienten ganzheitlich umsorgt wurden. Dazu gehörte nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch menschliche Zuwendung, die diese Erkrankten zuvor fast nie erlebt haben.

Die «Jesushilfe» überstand den Ersten Weltkrieg und den Untergang des Osmanischen Reiches, zu dem auch Jerusalem bis 1917 gehörte. Erst durch die Gründung des Staates Israel 1948 erschwerte sich die Arbeit zusehends. Während des anschliessenden Unabhängigkeitskrieges wurde Jerusalem geteilt. Der überwiegende Teil der muslimischen Patienten kam aber aus dem damals jordanischen Teil der Stadt und hatte keine Möglichkeit mehr, nach Westjerusalem zur Behandlung zu reisen.

Neuer Standort auf dem Sternberg
Die Herrnhuter Brüdergemeine verkaufte deshalb das Spital 1950 an den jüdischen Nationalfonds. Die medizinische Betreuung wurde fortan vom israelischen Hadassah-Krankenhaus übernommen. Die Diakonissen Ida Ressel und Johanna Larsen führten die Arbeit in sehr einfachen Verhältnissen in Silwan, inzwischen Jordanien, fort. Gleichzeitig warben sie in Europa und im Nahen Osten für den Neubau eines Lepraspitals für die arabischen Patienten.

Schliesslich fanden sie nördlich von Ramallah günstiges, geeignetes Land für die Errichtung eines neuen Heims. Auf den Karten war dieser Ort als «Jabel-el-Nijmeh», «Sternberg», eingezeichnet. Es war ein dorniger Hügel, auf dessen fruchtbarem Boden aber bald ein kleiner Wald wachsen sollte. 1958 konnten die ersten Zisternen gegraben und im Juni 1959 der Grundstein für den Krankentrakt gelegt werden.

In den folgenden Monaten entstanden neben dem Krankentrakt ein Schwesternhaus mit Gästezimmern, ein Haus für andere Angestellte, drei kleine Häuser für kranke Eheleute und ein Generatorenhaus für die Stromversorgung. Die medizinischen Fortschritte veranlassten die Herrnhuter Brüdergemeine jedoch zu einer Neuausrichtung. Es gab nun eine wirksame medikamentöse Therapie gegen Lepra. Die Anzahl der Erkrankten nahm ab. Eine stationäre Pflege war nicht mehr nötig.

Rehabilitationszentrum für Menschen mit geistigen Behinderungen
Die Herrnhuter Brüdergemeine fragte sich erneut, welche Menschen nun Hilfe und Zuwendung brauchen. Im 19. Jahrhunderts waren es Aussätzige, nun Kinder und Jugendliche mit geistigen Behinderungen, die ebenso diskriminiert und ausgegrenzt waren wie damals die «Aussätzigen». Ab 1980 wurde der Sternberg zu einem Rehabilitationszentrum ausgebaut.

Das Zentrum bietet heute eine umfassende sonderpädagogische und physio- und ergotherapeutische Betreuung Beeinträchtigter aller Altersgruppen. Sowohl wenige Monate alte Säuglinge als auch ältere Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen erfahren eine Förderung, die ihnen eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht. Die Mitarbeitenden des «Sternbergs» leisten neben der vorbildlichen therapeutischen Arbeit auch einen grossen Beitrag zur Integration behinderter Menschen und zum Abbau von Vorurteilen und Ausgrenzung.

Ein Ort des Friedens
Der «Sternberg» ist auch ein Ort des Friedens inmitten einer unruhigen Umgebung. Die Leitung liegt in den Händen von christlichen Palästinensern, die Mitarbeitenden sind Muslime und Christen. Kinder und Jugendliche werden aufgenommen und gefördert, ganz unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Glauben. Das friedliche Zusammenarbeiten von Christen und Muslimen zum Wohle der Kinder ist nicht selbstverständlich, sondern ein Zeichen der Hoffnung in einer zerrissenen Region.

Mission 21 gratuliert allen Mitarbeitenden und allen Kindern des Sternbergs zu diesem runden Geburtstag. Wir sind froh, über unseren Trägerverein Herrnhuter Mission seit vielen Jahrzehnten mit dieser wichtigen Arbeit verbunden zu sein.

Text: Johannes Klemm

» Weitere Informationen zum Projekt von Mission 21

» Geburtstagsanlass am 24. September in Basel

 
 
Kontakt

Johannes Klemm
Programmverantwortlicher
Tansania & Palästina
Tel: +41 (0)61 260 23 04
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