Gerechtigkeit: Was ist eine Ananas wert?

Der Begriff Gerechtigkeit feiert gerade Hochkonjunktur: Klimagerechtigkeit, Bildungsgerechtigkeit, global justice oder gendergerechte Sprache begegnen mir überall.

Auch das kleine Büchlein "Nehmen ist seliger als Geben" von Christoph Fleischmann setzt sich mit dem Begriff der Gerechtigkeit auseinander, und ist dabei ein grosses Lese und Denkvergnügen. Einleitend fragt sich der Autor: "Was ist eine Ananas wert?" Er beschreibt seine zwiespältige Erfahrung mit dem Kauf einer Ananas, die er in den 1990er Jahren als Student auf einem indischen Markt zum Spottpreis erstanden hat. Wohl jede und jeder von uns hat sich bereits in einer ähnlichen Situation dieselben Fragen nach dem gerechten Preis gestellt. Bereits nach den ersten drei Seiten sind wir also mittendrin in fiebrigen Überlegungen!

Fleischmann unternimmt in den folgenden Kapiteln einen höchst anregenden und aufschlussreichen Gang durch die Geschichte der Tauschgerechtigkeit. Er spannt den Bogen von altorientalischen Vorstellungen über Aristoteles, die Scholastiker des Mittelalters und der frühen Neuzeit bis hin zu Thomas Hobbes und den neoliberalen Ökonomen. Habe ein Handel einmal als gerecht gegolten, wenn Waren gleichen Werts getauscht worden seien, so sei diese Vorstellung von der Idee abgelöst worden, dass ein Handel dann gerecht sei, wenn beide Vertragspartner ihm freiwillig zustimmten, unabhängig vom eigentlichen Wert der Ware. Dieser Wandel habe im späten Mittelalter begonnen und sich in der frühen Neuzeit weitgehend durchgesetzt, was mit dem Aufkommen kapitalistischer Wirtschaftsformen zusammenhänge. Bei den klassischen Ökonomen sei dann das freie Spiel von Angebot und Nachfrage quasi zu einem Naturgesetz erhoben worden, das bis heute eine erstaunliche Langlebigkeit aufweise. Unterschiedliche Menschenbilder lägen den unterschiedlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit zugrunde.

Von welchem Menschenbild und von welcher Vorstellung von Gerechtigkeit wollen wir in Zukunft ausgehen? Die Frage bleibt offen, das Buch von Fleischmann gibt jedoch Hinweise darauf, "wie die Vorstellung von einer Gleichheit im Tausch das Nachdenken über gerechte Formen des Wirtschaftens bereichern kann". Das Abklappern vergangener Zeiten nach brauchbaren Ansätzen für neues Wirtschaften erscheint mir angesichts des Zustandes unseres Planeten umso dringlicher. Fragen nach der Beschaffenheit von Klima- oder Umweltgerechtigkeit werden uns noch lange umtreiben. Fleischmann hat mit diesem Buch ins Schwarze getroffen.

Text: Claudia Wirthlin, Leiterin der Bibliothek von Mission 21

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