Die Kirchen müssen zusammenstehen

Interview mit Peter Gai, Präsident der Partnerkirche von Mission 21 "Presbyterian Church of South Sudan".

Mission 21: Was ist im Südsudan zum jetzigen Zeitpunkt besonders wichtig?
Reverend Peter Gai: Nothilfe, denn die Menschen haben im Krieg ihre Einkommensgrundlage verloren, ihre Felder. Überall im Land leiden die Menschen Hunger. Sie brauchen gesundheitliche Unterstützung und Nahrung. Und wir müssen den Menschen helfen, damit das Vertrauen in der Bevölkerung wieder wachsen kann.

Weshalb ist der Vertrauensaufbau so wichtig? Der Krieg hat Feindschaft geschürt zwischen Menschen, die einst Nachbarn, Mitarbeiter, Freunde waren. Sie misstrauen einander und haben zum Beispiel Angst, von der anderen ethnischen Gruppe dominierte Stadtteile zu betreten. Deshalb sind Begegnungen so wichtig. Wenn Menschen unterschiedlicher Ethnien zusammenkommen und miteinander sprechen, verstehen sie, dass das Leid auf beiden Seiten gross ist und entwickeln Mitgefühl.

Was halten Sie vom Friedensabkommen, das im September 2018 unterzeichnet wurde? Diejenigen, die das Friedensabkommen unterzeichnet haben, sind dieselben Männer, die den Krieg gestartet haben. Also müssen sie uns jetzt beweisen, dass sie es ernst meinen und wirklich Frieden wollen.

Mitte April 2019 waren Sie gemeinsam mit anderen Kirchenvorstehern an einer spirituellen Retraite mit dem Papst im Vatikan, an der die beiden zerstrittenen Politiker im Südsudan teilnahmen, der Präsident Salva Kiir und sein ehemaliger Vizepräsident Riek Machar – was war das Ziel? Ein Treffen zwischen der politischen und religiösen Führung im Land machte Sinn, damit der Heilige Geist die Regierungsbildung unterstützt. Die früheren Kriegsparteien sollten näher an Gott gebracht werden, sodass der Frieden gewahrt werden kann. Der Papst ermahnte die Politiker, sich für den Frieden einzusetzen. So ein Treffen gab es noch nie zuvor! Sein Einsatz für den Südsudan beeindruckte mich sehr.

Was für einen Einfluss hatte das Treffen auf Machar und Kiir? Es ist ein Wendepunkt. Die Herzen von Machar und Kiir wurden sichtlich berührt. Was mir noch Sorgen bereitet, ist die Einflussnahme ihrer jeweiligen Leute, die am Treffen nicht teilgenommen haben. Wir Kirchen werden auf jeden Fall unseren Einsatz noch verdoppeln. Wir werden den Dialog mit Machar und Kiir weiterführen. Denn, zur Erinnerung: das Friedensabkommen wurde nicht in Rom abgeschlossen, es wurde hier im Südsudan erarbeitet.

Denken Sie, Frieden sollte zuerst auf politischer Ebene implementiert werden? Alle Ebenen sind wichtig. Die erste Ebene ist der politische Frieden, der vor allem von den Parteien gefördert werden muss. Für uns als Kirche steht die Grassroots-Ebene im Vordergrund: Wir dürfen die breite Bevölkerung bei der Friedensarbeit nicht vergessen, sondern müssen zu den Leuten sprechen.

Und wie werden diese Menschen erreicht? Über die Kirche. Denn die Menschen im Südsudan sind sehr religiös und die Kirche ist eine wichtige Friedensbotschafterin. Wenn die Kirche im Südsudan geeint für den Frieden einsteht, kann sie viel dazu beitragen, den Krieg zu stoppen. Regelmässig führen wir dazu Einsätze im ganzen Land durch, sogenannte "Peace Missions", sie werden von Mission 21 finanziert.

Was bewirken solche "Peace Missions" konkret? Ich mache ein Beispiel: In Malakal führten Dinka und Nuer schlimme Kämpfe, es kam zur Spaltung. Die Dinka blieben in der Stadt, die Nuer kamen in einem Lager für Binnenflüchtlinge unter. Seit Jahren gab es keinen Kontakt zwischen den Ethnien. Die Ängste auf beiden Seiten sind gross. Unsere Aufgabe als Kirche ist es in so einer Situation, als neutrale Instanz zu vermitteln. Auf meiner «Peace Mission» organisierte ich zuerst einen Besuch der Nuer bei den Dinka in Malakal, und dann umgekehrt. Danach führte ich einen dreitägigen, ethnisch gemischten Friedensworkshop mit unterschiedlichen Zielgruppen durch. Die Erfolge dieser Friedensarbeit sind nachhaltig: Seither gibt es regelmässigen Austausch und auch gegenseitige Unterstützung in Malakal.

Woher kommt Ihre grosse Motivation für die Friedensarbeit? Die Lebensumstände der Vertriebenen sind unmenschlich, die Menschen leiden. Damit sich das ändert, muss Frieden einkehren. Daher kommt meine Motivation für die Friedensarbeit. Oft ist es eine sehr schwierige Arbeit. Aber es gibt Erfolge. Ich konnte schon sehr viele Menschen vom Frieden überzeugen. Das gibt Hoffnung und zeigt mir, dass unsere Arbeit eine Wirkung hat.

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