Europa verpasst die Bibel

Der christliche Glauben wurde über die Jahrhunderte von Europa geprägt und von hier aus in die Welt getragen. Noch immer dominiert die europäische Lesart das Verständnis, die Interpretation und die Gewichtung der Heiligen Schrift. Im Dialog International vom 17. Februar verdeutlichen unsere Gäste, dass Europa wichtige Botschaften verpasst, die nur mit der Brille anderer Kulturräume und Kontexte herausgelesen werden können.

Europäer, die die Verkündungsbasilika in Nazareth besuchen, erleben im Hof einen Kulturschock: Auf Bilder ist Jesus abgebildet, wie er in anderen Kulturkreisen dargestellt wird. Einmal mit deutlich asiatischen Gesichtszügen, ein anderes Mal mit dunkler Hautfarbe. Der gewohnte Weisse mit blauen Augen ist dort nur einer von vielen.

„Es hat mich nicht überrascht, als ich in Filmen einen blonden Jesus gesehen habe“, sagt David Castillo Mora. Er hat in Südafrika Bibelwissenschaften studiert und lehrt an der Universidad Biblica Latinamericana in San José, Costa Rica. «Viele lateinamerikanische Kirchen und christliche Institutionen reproduzieren die eurozentrische Sichtweise, weil diese als universelle Wahrheit eingeführt wurde.»

Die Vorstellung der Menschen in der Bibel als Weisse ist aber nur die offensichtlichste Ausprägung der dominierenden europäischen Sicht auf die Bibel. Es geht auch um das Verständnis und die Deutung der biblischen Kontexte. Unsere Gäste sprachen am Dialog International vom 17. Februar insbesondere über die auf kulturelle Kontexte angepasste Lesarten der Bibel in ehemals kolonisierten Ländern.

Die Bibel zu eigen machen

Die Inderin Dr. Sharon Jacob, assoziierte Professorin für Neues Testament an der Pacific School of Religion in Berkeley, Kalifornien habe sowohl in der Kirche als auch im akademischen Diskurs die Dominanz der westlichen Perspektive gespürt. «Mir wurde klar: Damit die Bibel zu uns spricht, müssen wir uns die Bibel zu eigen machen.»

Speziell das Neue Testament sei dem indischen Kontext viel näher als dem europäischen. Sie verdeutlicht dies am Beispiel des Gleichnisses des Verlorenen Sohns. «Für mich als Inderin ist die Bedeutung von Schande und Ehre in dieser Bibelstelle viel besser nachvollziehbar als für den europäischen Kontext.»

Den Lobgesang Marias in Lukas 1 lese sie aus der Sicht einer ausgegrenzten Frau, die in Indien früher wohl zu den sogenannten Unberührbaren gehört hätte. «Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen» bekomme aus dieser Sichtweise eine viel grössere Bedeutung.

Leer und losgelöst

«Lukas legte einen viel grösseren Fokus auf Geschlecht und Herkunft der Menschen, weil er selbst einen nichtjüdischen Hintergrund hatte», wirft die dritte Rednerin ein. Madipoane Masenya ist Professorin für Altes Testament sowie stellvertretende Direktorin der Universität von Südafrika, Pretoria. Die eurozentrische Sicht auf die Bibel war während des Apartheid-Regimes für sie besonders deutlich spürbar. «Bestimmte Interpretationen der Bibel waren aus politischen Gründen verboten. Besonders jene, die Gott auf die Seite der Unterdrückten stellt.»

Für Maripoane Masenya habe sich die Bibel lange sehr leer und losgelöst angefühlt «Weil wir die Bibel nicht mit den Augen unserer eigenen Realität betrachten durften.» Den Perspektiven von Frauen und Schwarzen werden europäische Gelehrte aus ihrer Sicht nicht gerecht. Sonst wäre viel weiter bekannt, dass Moses zweite Frau Zipporah schwarz war, wie ein Zuhörer einwirft, und dass Mose vier Mal von einer Frau gerettet wird.

Nach dem eineinhalb-stündigen Gespräch ist klar: Wir verpassen viel, wenn wir die eurozentrische Sicht auf die Bibel als die einzig wahre ansehen. Denn die Heilige Schrift gewinnt an Tiefe, wenn sie mit anderen Augen gelesen wird.

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