Kunst baut Brücken für Frieden

Die Fachtagung «FriedensKunst» von Mission 21 entfaltete mit beeindruckenden Einblicken das friedensfördernde Potenzial, das in künstlerischen Werken und Aktionen steckt. Rund 30 Teilnehmende liessen sich am Freitag, 25. März 2022 im Missionshaus in Basel von den Referaten und Workshops inspirieren.

Als Auftakt zur Fachtagung illustrierte Moderatorin Claudia Buess von Mission 21 mit einem hochaktuellen Beispiel, dass Kunstwerke markante Friedenszeichen setzen können. In einer Nachtaktion brachte ein 70-köpfiges Künstler*innenkollektiv auf der Rahmedetalbrücke in Deutschland den rund 300 Meter langen Friedensaufruf, Brücken zu bauen, an – als Reaktion auf den Angriffskrieg, den Russland in der Ukraine führt.

Bildungsleiterin Magdalena Zimmermann von Mission 21 rief in ihrem Grusswort zur Solidarität in diesem Krieg auf. Der erschreckende Angriff auf die Ukraine mache auch klar, dass unsere Werte wie Demokratie nicht selbstverständlich gegeben seien. Und sie machte darauf aufmerksam, dass es auch vergessene Konflikte gebe, Kriege, die kaum mehr für Schlagzeilen sorgten. Mission 21 sei mehrheitlich in solchen Kontexten tätig, sagte Magdalena Zimmermann: «Interreligiöse Friedensförderung in diesen Ländern, wie auch in der Schweiz gehört deshalb seit langer Zeit zu einem Schwerpunkt von Mission 21.» Ein Instrument dieser Friedensförderung stelle die Kunst dar, FriedensKunst könne einen Beitrag leisten für eine friedliche, gerechte und inklusive Welt.

Theater stärkt Ressourcen und überwindet Traumata  

Die Theaterschaffende und Dozentin Anina Jendreyko stellte gleich im ersten Referat eindrücklich unter Beweis, dass Kunst Brücken zwischen unterschiedlichen Kulturen schaffen, Verständigung herstellen kann. Durch ihre Tätigkeiten in der Schweiz, in der Türkei und im Irak sammelte sie selbst Erfahrungen in unterschiedlichen Kontexten.

Basis ihrer erfolgreichen kulturübergreifenden Theaterarbeit war ein Projekt an einer Schule im Kleinbasel. Aus der Theaterarbeit mit Schülerinnen und Schülern unterschiedlichster Herkunft entstand die Volksbühne Basel, deren Leiterin Jendreyko heute noch ist. Diese interkulturelle Theaterarbeit funktioniere, indem die Teilnehmenden nicht als «Schauspieler-Objekt» sondern als Subjekt dabei sind: Als Menschen, die sich mit Herkunft, Situation, Macht oder Opfersituation, kritisch und konstruktiv auseinandersetzen.

Mit diesem Ansatz ging Anina Jendreyko in den Nordirak und erarbeitete mit jesidischen Frauen, die aus dem vom sogenannten Islamischen Staat, IS, besetzten Gebiet flüchten konnten, ein Theaterstück. In «Shengal - die Kraft der Frauen», erzählen Frauen und Männer aus dem Shengal-Gebiet, wie sie beginnen, ein neues Gesellschaftsmodell aufzubauen. Das Stück zeigt auf, wie Menschen in der Auseinandersetzung mit ihrer Identität, durch Selbstermächtigung und im Ringen um Geschlechtergerechtigkeit die Vision einer gerechteren Gesellschaft nachhaltig umsetzen.

Bilder können ermächtigen und stärken

Nach dieser bewegenden Präsentation hatte Professor Volker Küster aus Mainz die schwierige Aufgabe, die Fachtagungsteilnehmerinnen mit der Interpretation von Bildern zu fesseln. Er führte zunächst in theoretische Grundlagen ein, erklärte, wie Kunst Protest und Widerstand leisten kann, Traumaverarbeitung und Versöhnung ermöglichen kann. Kunst kann für Betrachter*innen zu Bewusstseinsbildung führen, kann Empathie auslösen und sie ermächtigen und stärken.

Dies illustrierte er anhand verschiedener Kunstwerke, auch mit christlichen Motiven. Unter anderem mit einem Bild des Malers Donatus Moyen aus Papua, der auf die indonesische Besetzung seines Landes mit grossformatigen, Hoffnung vermittelnden Motiven reagierte.

Perspektivwechsel und Poesie als Chance

Hannan Salamat, Kultur- und Religionswissenschaftlerin in Zürich und München, führte im dritten Referat in die Geschichte des Festivals «AusARTen» ein, das sie seit 2016 in einer Moschee in München mitorganisiert. «Eine plurale Gesellschaft benötigt einen pluralen Blick in die Vergangenheit, in die Gegenwart und in die Zukunft» - mit diesem Prinzip bringt das Festival unterschiedlichste Perspektiven auf die Bühne.

Diese Präsentationen sind Chance und Herausforderung zugleich. Grundsätzlich funktioniere es in einer Moschee, weil Poesie das Herzstück der islamischen Kunst sei. Es brauche aber Mut auch von Christ*innen, in diesen Räumen eigene kulturelle Ideen darzubieten.

Für Salamat macht gerade die Pandemie ersichtlich, dass die spirituelle Seite wichtig ist, dass Kunst und Kultur Frieden stiften können. Jüdische, christliche, muslimische Veranstaltungen in den «anderen» Gotteshäusern könnten das Gemeinsame und die Offenheit für andere Sichtweisen fördern.

Workshops öffnen Horizonte

Der Nachmittag bot die Möglichkeit, in vier verschiedenen Workshops in konkrete Beispiele einzutauchen, wie der Zugang zu Kunst und Kultur erweitert werden kann, um von anderen Kulturen zu lernen und unsere eigene Position besser zu erkennen.

Die Workshops boten verschiedene Zugänge. Die Theaterschaffende Kapi Kapinga Grab erarbeitete mit den Teilnehmenden Wege, angelernte Denkmuster in der Kunstbetrachtung zu erkennen und zu verlassen. Die Museumspädagogin Sabine Rotach erkundete die Möglichkeiten, anhand von Objekten aus dem Museum der Kulturen Fragen an diese Kulturen und die eigene Kultur zu stellen.

Leila Semaan, unter anderem Trainerin für Konfliktbearbeitung, nahm die Erfahrungen der Teilnehmenden auf, um vertieft zu betrachten, auf welche Weise künstlerische Interventionen für den Einsatz in der Friedensarbeit geeignet sind. Und Christian Weber, Studienleiter bei Mission 21, stellte Kunstwerke aus verschiedenen Kontexten vor, die Bibeltexte interpretieren, und machte sichtbar, wie ein Dialog zwischen Kulturen möglich wird.

In der abschliessenden Diskussionsrunde zeigte sich, wie diese Tagung den Teilnehmenden neue Möglichkeiten erschloss. Moderatorin Claudia Buess: «Künstlerisches Schaffen ist eine Möglichkeit Konflikte zu lösen, was wir in der westlichen Kultur nicht gewohnt sind.» Die rund 30 Teilnehmer*innen nahmen an dieser Tagung die Gelegenheit wahr, aktiv Schritte aus dieser «Gewohnheit» heraus zu tun.

Text: Séverine Fischer und Christoph Rácz
Foto: Séverine Fischer

► Projekte der Friedensförderung von Mission 21

► Video der Kunstaktion auf der Rahmedetalbrücke

► Homepage des Theaterprojekts «Shengal - die Kraft der Frauen»

► Homepage des Festivals AusARTen