„Religion oder Kultur? Das lässt sich nicht auf eine einfache Formel bringen.“

War die christliche Mission zu Zeiten des Kolonialismus imperialistisch? Wollte man die einheimische Bevölkerung in Afrika und Asien eher zu einer anderen Religion oder eher zu einer anderen Kultur führen? Im aktuellen Webinar von Mission 21 boten zu dieser Frage eine deutsche Forscherin und ein indischer Forscher spannende Einblicke und viel Diskussionsstoff.

„Das Verhältnis zwischen Mission und Kolonialismus lässt sich nicht auf eine einfache Formel bringen“, stellt die Historikerin Dr. Karolin Wetjen im Webinar fest. Sie forscht zu deutschen Missionsgesellschaften, die um 1900 in Ostafrika tätig waren. Die meisten Missionsgesellschaften hätten sich zwar nicht als koloniale Akteure verstanden, sagt sie. Andererseits hiessen zum Beispiel Direktoren der Leipziger Missionsgesellschaft die koloniale Expansion des Deutschen Reiches in Afrika gut.

Auch in der konkreten missionarischen Tätigkeit gab es unterschiedliche Haltungen und Methoden. Die Leipziger Missionare im Gebiet des Kilimandscharo (Tansania) setzten neben der Missionspredigt auch stark auf Schulbildung. Dabei nutzten sie vorwiegend religiöses Unterrichtsmaterial und vermischten so Unterricht und Predigt, kulturelle und religiöse Beeinflussung. Die „Erziehung zur Arbeit“ und zur sogenannten Sittlichkeit war ein integraler Bestandteil der christlichen Unterweisung und der Konversion zum Christentum.

Karolin Wetjen zieht das Fazit, „Zivilisierungsmission und Bekehrungsauftrag“ könnten nicht voneinander getrennt werden. Ihr Verhältnis sei immer wieder neu ausgehandelt worden.

 

Die Basler Mission in Indien

Dr. Mukesh Kumar aus Delhi, der gegenwärtig an der ETH Zürich forscht, taucht für seine historisch-anthropologischen Untersuchungen in die 1840er Jahre und die Tätigkeit der Basler Mission in Mangalore in Südindien ein. Dabei fokussiert er auf den Austausch der Basler Missionare mit drei gesellschaftlichen Gruppen. Mit den Brahmanen, der Elite im hinduistischen Kastensystem, mit den Billava, einer tiefgestellten Kaste, die vor allem von der Palmweinproduktion lebte, sowie mit der hinduistischen Sekte der Lingayat.

Die Basler Missionare lehnten das Kastenwesen und die gesellschaftliche Ungleichheit ab und verurteilten die „tyrannische Herrschaft der Brahmanen“ auch moralisch.  Sie versuchten sie dennoch zum Christentum zu bekehren, da sie der Ansicht waren, sie seien anderen religiösen Gruppierungen intellektuell, spirituell und kulturell überlegen. Ihre Missionsbemühungen stiessen jedoch bei den Brahmanen auf Widerstand, weil das Gleichheitsideal der Missionare die indische Kastenhierarchie direkt angriff. Die Billava galten wegen ihres Alkoholkonsums und Ahnenglaubens bei den Missionaren als „sündige“ Menschen. Trotzdem waren sie die grösste Konvertitengruppe der Basler Mission. Ein Grund lag darin, dass die Mission den Billava alternative Arbeitsmöglichkeiten bot, als die englische Kolonialregierung eine hohe Palmweinsteuer erhob. Die Lingayat schliesslich weckten das Interesse der Missionare, weil jene auch an die Wiederkehr eines Erlösers glaubten. Mit den Lingayat traten die Basler Missionare in intensive theologische Auseinandersetzungen, um die Bedingungen ihrer Konversion zum Christentum festzulegen.

Für Kumar ist in der Vorgehensweise der Basler Missionare ebenfalls eine Vermischung von religiösen und kulturellen Zielen sichtbar. Gerade in der Tätigkeit mit den Billava werde dies sichtbar. Die Missionare hätten die Billava etwa mit dem Argument der „christlichen Moral“ zur Abstinenz gedrängt und zu einem arbeitsamen Leben angehalten.

 

Überheblichkeit als grundlegende Haltung

Die Ausführungen von Mukesh Kumar und Karolin Wetjen stiessen bei den bis zu 70 Teilnehmenden des Webinars auf grosses Interesse. Im Chat wurden zahlreiche Fragen formuliert.

In den Antworten kamen weitere spannende Erkenntnisse zur Sprache. So erläuterte Kumar, dass die Missionare den Billava ökonomische Alternativen zur Palmweinproduktion anboten, um bei der Verkündigung und der Propaganda für ein christliches, insbesondere abstinentes Leben Erfolg zu haben. Aus der Missionstätigkeit erwuchsen in Mangalore also neue Möglichkeiten für Arbeit und Einkommen – ähnlich wie im Kilimandscharo-Gebiet durch die Missionstätigkeit die Schulbildung zunahm.

Hinter diesen fördernden Aktivitäten der Missionare stand allerdings eine grundsätzliche Haltung der Überheblichkeit. Dies stellen sowohl Kumar als auch Wetjen abschliessend fest. Die Missionare agierten als überzeugte Vertreter einer europäisch geprägten Religion und Kultur, die sie als überlegen ansahen.

Text: Christoph Rácz; Bild: Basel Mission Archives C-30.51.013 

 

► Aufzeichnung Webinar

Weitere geplante Webinare aus der Reihe "Mission-Colonialism Revisited":

► 27. September: «Black Voices from the Archives»

► 27. Oktober: «Mission und Kolonial-Armeen»