Vom Neustart ins Leben nach einem vermeintlichen Todesurteil

Im gewaltgeprägten und vom Staat vernachlässigten Westen Kameruns gibt es kaum Unterstützung für Menschen, die mit HIV leben. Doch Prävention und Behandlung sind möglich.

Als Emmanuel Kameni ins Krankenhaus kam, stand es nicht gut um ihn. Nach einem positiven HIV-Test hatte ihn der Lebensmut verlassen. «Für mich war der Test ein Todesurteil» erinnert er sich. Er ging nicht mehr zur Arbeit und verlor in der Folge seinen Job und seine Wohnung. Er ging davon aus, ohnehin bald sterben zu müssen, und kümmerte sich deswegen nicht um eine Behandlung. Er trank zu viel und lebte mit seinen zwei Töchtern in einem unfertigen Gebäude. Da er keine Medikamente nahm, litt er an den negativen Folgen seiner HIV-Infektion. 

Die Wende für Emmanuel Kameni trat ein, als ihn im Krankenhaus in Douala ein Berater auf seine Probleme ansprach. Das Krankenhaus wird von der PCC geführt, der Partnerkirche von Mission 21 in Kamerun.

Eine halbe Million Menschen sind betroffen
Mit dem ersten Teil seiner Geschichte ist Emmanuel Kameni nicht allein. UNAIDS geht davon aus, dass in Kamerun ungefähr 500 000 Menschen das HI-Virus in sich tragen. Bei einer Bevölkerung von 26,5 Millionen sind das beinahe zwei Prozent. Speziell Frauen und Kinder sind gefährdet, sich anzustecken. Frauen werden öfter als Männer Opfer von sexueller Gewalt, sind öfter in der Prostitution tätig und machen mehr als zwei Drittel der HIV-Erkrankten aus. Besonders prekär ist die Lage im englischsprachigen Westen des Landes, wo seit 2016 ein bewaffneter Konflikt zwischen Rebellen und der Regierung tobt. In diesem schwierigen und gefährlichen Kontext ist die medizinische Versorgung der Bevölkerung eine Herausforderung, die der Staat oft nicht meistern kann. 

Zwei Hürden: Die Kosten und das Unwissen
Viele Menschen haben keinen Zugang zu HIV-Tests und wissen somit nicht, ob sie das Virus in sich tragen. Wer wie Emmanuel Kameni seinen HIV-Status kennt, hat oft nicht die finanziellen Mittel, um sich behandeln zu lassen. Auch fehlt vielen Menschen das nötige Wissen darüber, was eine HIV-Infektion bedeutet und welche Behandlungsmöglichkeiten bestehen. So gehen viele Menschen wie Emmanuel Kameni davon aus, dass ein positiver Test das Ende bedeutet. Selbst wenn die antiretroviralen Medikamente zur Verfügung gestellt werden, sind regelmässige Besuche in einem Spital oder einer Gesundheitsstation nötig, die mit Transportkosten verbunden sind und aus Gründen der Sicherheit oft gefährlich sind. 

Selbsthilfegruppe als Rettungsanker
Die PCC setzt sich für die medizinische Behandlung von Menschen ein, die mit HIV leben. Sie bekämpft auch die Diskriminierung von Betroffenen und informiert über Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten. Für Emmanuel Kameni war das Engagement der PCC ein rettender Anker. Der Berater der PCC, der ihn im Krankenhaus ansprach, klärte ihn über die Krankheit und die Behandlungsmöglichkeiten auf, verschrieb ihm Medikamente und ermutigte ihn, einer Selbsthilfegruppe beizutreten. Kurze Zeit später erhielt auch eine von Kamenis Töchtern, die positiv auf HIV getestet wurde, Medikamente.
Mit der Unterstützung der PCC gelang es Emmanuel Kameni, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Er ist mittlerweile Präsident der lokalen Selbsthilfegruppe und arbeitet in einem Zentrum für Menschen mit HIV. Dort berät er andere HIV-positive Personen und kann dank dieser Arbeit seine Kinder versorgen. 
Menschen wie Emmanuel Kameni auszubilden, ist eine der wichtigsten Aktivitäten bei der Sensibilisierungsarbeit der PCC. Die angebotenen Kurse beinhalten Themen wie sexuelle und geschlechterspezifische Gewalt, sexuell übertragbare Krankheiten (darunter HIV), Kommunikation und Beratung. Sie werden von medizinischem Personal, Lehrer*innen, Mitgliedern von Frauen- und Jugendgruppen und weiteren Freiwilligen besucht. Die geschulten Mitglieder lokaler Gemeinschaften können HIV-positive Menschen unterstützen und die Bevölkerung über HIV aufklären. Sie erreichen eine weitaus grössere Zahl an Menschen, als dies durch die professionellen Mitarbeitenden der PCC möglich wäre. 

Aufklärungsarbeit für junge Menschen
Die PCC bietet Beratung für HIV-positive Personen und Opfer von sexueller Gewalt an, führt HIV-Tests durch und begleitet Betroffene medizinisch. Zudem wird Aufklärungsarbeit zu den Themen sexuelle Gewalt und sexuell übertragbare Krankheiten an über 30 Schulen durchgeführt. Hier und im Freemind Center in Buea – einem Jugendzentrum, wo Jugendliche sich ohne Druck mit dem Thema Sexualität auseinandersetzen können – werden Jugendliche für Themen wie sexuelle Gewalt und sexuell übertragbare Krankheiten sensibilisiert. So haben sie die Chance, als Erwachsene nicht die gleiche Erfahrung wie Emmanuel Kameni machen zu müssen und ein gesundes Leben führen zu können. 

Text: Frank Nydegger, Mission 21

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