Webinar zum Verhältnis von Mission und Kolonialismus stiess auf grosses Interesse

Auch das zweite Webinar der Reihe "Mission - Slavery - Colonialism Revisited" war ein Erfolg. Zwei Referate und eine spannende Diskussion gingen der Frage nach, in welchem Verhältnis Missionsgesellschaften und Kolonialregierungen zueinander standen.

Mission 21 richtet den Fokus in mehreren Veranstaltungen auf die Haltung, die Missionare und Missionsgesellschaften im 19. Jahrhundert vertraten, wenn es um Sklaverei und Kolonialismus ging. Die Basler Mission und damit Mission 21 setzen sich bereits seit langem wissenschaftlich mit ihrer Geschichte auseinander. Im Zuge der aktuellen Diskussionen um Rassismus und Diskriminierung ist es aber noch wichtiger geworden, diese Auseinandersetzung auch mit öffentlichen Debatten zu begleiten. "Um die Gegenwart zu verstehen, müssen wir die Vergangenheit in den Blick nehmen", sagte Moderatorin Claudia Buess zu Beginn des Webinars "Mission und Kolonialismus", an dem am 27. Mai knapp hundert Personen teilnahmen.

Spannungen und Widersprüche

Wie in der ersten Veranstaltung zum Thema "Mission und Sklaverei" wurde auch im zweiten Webinar deutlich, dass die Missionsgesellschaften mit den Kolonialmächten zusammenarbeiteten, dass es in dieser Beziehung aber auch zu Spannungen und Widersprüchen kam.

Mission als Wiedergutmachung

Viele Missionsgesellschaften nahmen ihre Tätigkeit auf, um die Schuld des transnationalen Sklavenhandels wiedergutzumachen. Zugleich profitierten sie von den Strukturen der Kolonialregierungen und umgekehrt: Die Kolonialmächte schufen die Voraussetzungen, dass die Missionen ihre Tätigkeit ausweiten konnten, sie sorgten für den Schutz der Missionare und schufen eine Infrastruktur durch den Ausbau von Strassen oder Eisenbahnlinien. Diese Verquickungen und Abhängigkeiten waren nicht frei von Auseinandersetzungen. Missionsgesellschafen leisteten Opposition, wenn sie ihre Aufgaben und ihre Interessen gefährdet sahen.

John Wilson in Liberia

Zwei Referate nahmen die Zuhörerinnen und Zuhörer mit in diese Spannungsfelder im 19. Jahrhundert. Dr. Emily Conroy Krutz, Assistenzprofessorin am Departement für Geschichte der Michigan State University, beleuchtete am Beispiel des amerikanischen Missionars John Leighton Wilson die damalige amerikanische Kolonie Liberia und das Verhältnis von Missionsgesellschaft, Kolonialregierung und einzelnen Missionaren. Wilson, Teil der amerikanischen Missionsgesellschaft, äusserte in Liberia Kritik am Verhalten der Kolonialregierung. Denn diese versuchte, ihre Autorität auch in den Missionsgebieten durchzusetzen (etwa mit Militärdienst für Angehörige der Mission und mit der Pflicht, Zugang zu neuen Missionsgebieten von der Kolonialregierung bewilligen zu lassen). Wilson vertrat die Haltung, dass Kolonialismus nicht kompatibel mit dem christlichen Glauben sei, da die Kolonialregierung die Einheimischen unterdrücke. Die Spannungen gingen so weit, dass die Missionsgesellschaft sich aus Liberia zurückzog und Wilson seine Tätigkeit nach Gabun verlegte.

Die Basler Mission in Kamerun

Dr. Patrick Moser, Historiker und Archivar bei Mission 21, ging in seinem Vortrag unter anderem auf die Rolle der Basler Mission in Kamerun und insbesondere auf die Landfrage am Kamerunberg ein. Die deutsche Kolonialregierung machte sich Land zugunsten der deutschen Plantagengesellschaften zu eigen, ohne die Bedürfnisse der ansässigen Bevölkerung zu berücksichtigen. Ab 1898 begann die Basler Mission, gegen diese Politik in einer Koalition mit deutschen Handelsgesellschaften und Abgeordneten des Reichstages erfolgreich Opposition zu betreiben – und war dabei in einer schwierigen Lage. Denn die Kolonialregierung liess als Drohung wiederholt durchblicken, die Basler Mission aus Kamerun zu entfernen oder der Missionshandelsgesellschaft Konzessionen zu entziehen.

Eine Debatte mit Fortsetzung

Die rege Diskussion im Anschluss an die Referate berührte viele weiterführende Fragen, etwa die, ob Missionare Teil einer internationalen Missionsbewegung seien, die sich als apolitisch verstand oder ob sie sich als nationale Akteure sahen, die auch die Interessen eines Kolonialstaates vertraten. Dies war eine immer wieder diskutierte Frage bei der Basler Mission, die zwar ihren Sitz in der Schweiz hatte, aber sowohl von der britischen wie auch von der deutschen Regierung als deutsche Mission angesehen wurde.

Mission 21 wird die Forschung und den Austausch zum Verhältnis von Mission zu Sklaverei und Kolonialismus fortsetzen und die Debatte auch weiterhin in die Gegenwart tragen. Als nächstes mit einer internationalen "Summer School" mit dem Titel "Zwischen Rassismus und Respekt".

Text: Miriam Glass, Mission 21

► Web-Dossier Mission-Slavery-Colonialism Revisited

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► Mehr zum Forschungsarchiv von Basler Mission und Mission 21

► Mehr zum Bildungsangebot von Mission 21

► Mehr zur Summer School «Zwischen Rassismus und Respekt»