«Wichtig ist die Frage: ist Hilfe nötig und nützlich?»

Muss man die Entwicklungshilfe entkolonialisieren? Um diese Frage dreht sich die diesjährige Summer School von Mission 21. Und gleich die erste Referentin zeigt: die Antworten sind unterschiedlich. Themrise Khan, pakistanische Expertin für Entwicklungspolitik, findet den Begriff der "Dekolonisation" nämlich unpassend - auch wenn ihre Haltung zur Entwicklungshilfe kritisch ist.

Dekolonisation sei für sie ein wichtiges Konzept, erklärt Themrise N. Khan, wenn es um den Prozess gehe, in dem ehemalige Kolonien sich Unabhängigkeit erkämpft haben oder weiterhin erkämpfen. Die Befreiung von Zwang und Plünderung sei oft mit Konflikten und Gewalt verbunden gewesen, so Khan.

Im Unterschied dazu finde Entwicklungshilfe zwischen unabhängigen Staaten statt. Aus den reichen Staaten fliessen Gelder und Ressourcen in den globalen Süden. Diese Hilfe infrage zu stellen, sei nicht Dekolonisation, auch wenn zwischen den Staaten ein Machtgefälle bestehe. Vielmehr gehe es darum, ob Hilfe in ihrer aktuellen Form denn nötig und nützlich sei. Und ob sie dazu führe, dass der begünstigte Staat einmal keine Hilfe mehr benötige, also auch Unabhängigkeit von der Hilfe erlangen könne.

Differenziertes Bild

Khan plädiert in ihrem Referat für ein differenziertes Bild von "Gebenden" und "Nehmenden". Es gebe Staaten, die früher Hilfe empfingen und heute selber mächtig seien, etwa China. Andererseits seien in etlichen ehemaligen Kolonien des globalen Südens heute Regimes an der Macht, die sich selbst kolonialistisch verhielten, mit Unterdrückung von Minderheiten oder gesellschaftlichen Gruppen im eigenen Land.

Die Beziehungen zwischen Staaaten seien zudem nicht nur von Entwicklungshilfe geprägt, sondern vielmehr noch von Handel oder kulturellem Austausch. Zum Handel gehöre allerdings auch der Waffenhandel, ergänzt sie, dieser nütze der Entwicklung eines Landes kaum und trage eher zur Anfälligkeit für Krisen bei.

Kritischer Blick auf Projektarbeit

Einen nüchternen Blick wirft Khan auf die Projektarbeit zahlreicher Hilfswerke und NGOs. Oft werde die politische oder wirtschaftliche Realität ausgeblendet. Es nütze zum Beispiel nichts, Advocacy-Arbeit für Frauen zu machen, wenn die Behörden den Frauen gar keine Möglichkeit zur politischen Teilhabe gäben, gibt sie zu bedenken. Es sei leider ihre Erfahrung aus über 25 Jahren Praxis, dass NGOs oder Hilfswerke vorgefertigte Konzepte mitbringen, Kritik von Einheimischen abwehren und nach "getaner Arbeit" sich wieder anderem zuwenden würden.

Wie sich die weiteren Referierenden zum Thema stellen werden, lässt sich schon heute Donnerstagabend miterleben. Die kolumbianische Forscherin María Ximena González-Serrano wird von 19-20 Uhr die kritische Sicht aus lateinamerikanischer Perspektive auf die Entwicklungszusammenarbeit einbringen. In ihrem Referat geht es vor allem um gleichberechtigte Beziehungen zwischen Menschen, Ländern und gesellschaftlichen Kontexten. Das Referat ist auf Spanisch und wird auf Englisch übersetzt.

Text: Christoph Rácz

► Zur Summer School 2022