Peace of Her Mind: Ein sicherer Ort gegen die Gewalt im Südsudan
Geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt ist eine weltweite Realität, die oft im Verborgenen bleibt. Im Südsudan bricht das von Mission 21 unterstützte «Peace of Her Mind Centre» in Juba das Schweigen. Ein Radiobeitrag von Radio Miraya sowie Berichte von vor Ort geben tiefe Einblicke in eine Arbeit, die unter extremen Bedingungen Leben verändert.
Das Ausmass geschlechtsbezogener Gewalt gründet weltweit in tief verwurzelten patriarchalen Strukturen – so auch im Südsudan, wo patriarchale Normen unabhängig von der Religionszugehörigkeit nur schwer aufzubrechen sind. Wo staatliche Schutzmassnahmen Lücken hinterlassen, müssen zivilgesellschaftliche und kirchliche Partnerschaften einspringen, um sichere Räume zu gewährleisten. Das in der Hauptstadt Juba errichtete Peace of Her Mind Centre ist ein solcher Zufluchtsort.
Drei Säulen für den Neuanfang: Schützen, stärken, verändern
Florence Hakim, Koordinatorin von Mission 21 im Südsudan, erläutert im Interview mit dem UN-Sender Radio Miraya den ganzheitlichen Ansatz des Zentrums, der weit über die akute Nothilfe hinausgeht:
- Psychosoziale Begleitung & Heilung: Frauen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, finden im Zentrum einen geschützten Raum für Austausch, psychosoziale Unterstützung und Traumabewältigung. Neben vertraulichen Gesprächen gehören auch Körperarbeit und Selbstfürsorge fest zum Programm, um den von Gewalt Betroffenen einen Weg zurück ins Gleichgewicht zu ebnen.
- Wirtschaftliche Unabhängigkeit & Unternehmertum: Da die fehlende finanzielle Selbstständigkeit ein zentrales Problem darstellt, bietet das Zentrum praxisnahe Ausbildungsprogramme wie z.B. Kurse im Schneidern und Trainings zur Führung eines eigenen Kleinunternehmens. Das langfristige Ziel ist es, dass die Frauen diese Fähigkeiten eigenständig in ihren eigenen Dörfern und Gemeinschaften anwenden, um sich dort dauerhaft eine Existenz aufzubauen.
- Gelebte Konfliktlösung: In Trainings lernen Frauen, sich aktiv an Konfliktlösungen in ihrem engsten sozialen Umfeld zu beteiligen. Das erfolgreiche Programm konnte bereits hunderten von Betroffenen neue Perspektiven eröffnen.
Ein Ort der Hoffnung für Frauen: Das «Peace of her mind Centre» in Juba soll ein Ort der Hoffnung, Stärke und Selbstbestimmung sein. Foto: Silvano Yokwe
Messbare Erfolge und konkrete Perspektiven
Dass dieses Konzept aufgeht, zeigen die handfesten Erfolgsgeschichten des 2025 eröffneten Zentrums: Viele der Absolventinnen haben bereits den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und erfolgreich ihre eigenen kleinen Unternehmen gegründet. In den Kursen lernen sie gezielt, die Dynamiken der verschiedenen Märkte in der Hauptstadt Juba zu verstehen, um genau jene Produkte herzustellen, die auch tatsächlich nachgefragt werden.
Das selbst erwirtschaftete Einkommen verändert das Leben der Familien fundamental und sichert das tägliche Überleben: Die Frauen sind dadurch in der Lage, eigenständig für ausreichend Essen auf dem Tisch zu sorgen und die Schulgebühren für ihre Kinder zu bezahlen.
Alle Angebote im Zentrum sind komplett kostenlos und stehen jeder Frau ohne vorherige Anmeldung offen. Täglich kommen Teilnehmerinnen zusammen, um an Schulungen teilzunehmen – wie etwa der Herstellung wiederverwendbarer Menstruationsbinden. Diese Initiative deckt ein wichtiges Gesundheitsbedürfnis ab und vermittelt zugleich Wissen über Nachhaltigkeit.
Geleitet wird die Arbeit vor Ort von Nora Zangabeyo. Viele der Frauen, die zu ihr kommen, haben Angehörige in den anhaltenden Konflikten des Landes verloren oder erleben häusliche Gewalt. Das Zentrum schafft für sie den nötigen Raum für Austausch und Heilung. «Unsere Vision ist es, Frauen zu unterstützen, zu stärken und zu befähigen, selbstständig zu werden – für sich, ihre Familien und ihr Land», betont Zangabeyo.
Überleben im Krisenkontext
Die Arbeit findet unter extremen Rahmenbedingungen statt. Die ohnehin prekäre Lage im Land hat sich massiv verschärft: Der anhaltende Krieg im benachbarten Sudan hat eine der weltweit grössten Fluchtbewegungen ausgelöst. Hunderttausende Menschen suchen Schutz im Südsudan, was die überfüllten Lager und die mangelhafte Ernährungssituation an den Rand des Zusammenbruchs treibt. Zudem fehlen vielen Hilfsorganisationen vor Ort wichtige Gelder, da die US-Entwicklungshilfebehörde USAID ihre Finanzierung drastisch gekürzt hat. Umweltkatastrophen wie schwere Überschwenmungen, politische Spannungen und blockierte Strassen in Juba erschweren den Alltag der Menschen zusätzlich.
Wenn Strassensperren oder Sicherheitsrisiken den Frauen den Weg ins Zentrum abschneiden, lässt Nora Zangabeyo sie nicht im Stich: Sie weicht auf Hausbesuche aus, um Beratungsstunden unter vier Augen durchzuführen.
Trotz aller Rückschläge verändert sich die Mentalität – wenn auch langsam. Es entstehen immer mehr weibliche Vorbilder, die zeigen, dass Frauen Führungsrollen übernehmen können. Nora Zangabeyo ermutigt die Teilnehmerinnen konsequent, Verantwortung zu übernehmen und auch öffentliche Ämter anzustreben. Ihre Botschaft ist von unbändigem Mut geprägt:
«Bei allen Problemen: Wir Frauen aus dem Südsudan sind sehr resilient. Und dieses Land gehört auch uns Frauen.»
Das Schutznetz wird grösser
Da Gewaltbetroffene gerade in entlegenen Regionen oft völlig auf sich allein gestellt sind und kaum Zugang zu verlässlicher Unterstützung oder Schutzräumen haben, plant Mission 21 gemeinsam mit den Partnern vor Ort bereits den nächsten Schritt: Die Unterstützung und die Beratungsdienste des Zentrums sollen in Zukunft über die Hauptstadt Juba hinaus auf weitere Gemeinden des Landes ausgeweitet werden, um noch mehr Frauen Schutz, eine Perspektive und vor allem neue Zuversicht zu bieten.
Jetzt reinhören:
Hier können Sie das originale Radio-Interview des Senders Radio Miraya mit unserer Koordinatorin Florence Hakim nachhören:
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