Summer School: Ein kritischer Blick auf die Missionsgeschichte

Wie werden die Missionsgeschichte und die heutigen kirchlichen Beziehungen aus Perspektiven in Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa wahrgenommen? Dieser Frage geht die «Summer School» von Mission 21 nach. Der Auftakt am Samstag, 11. September, lieferte viel Stoff zum Nachdenken. Fachleute und Teilnehmende aus vier Kontinenten diskutierten, was wir aus der Geschichte lernen können, um heute mit Rassismus und Diskriminierung umzugehen.

Im Archiv der Basler Mission finden sich Briefe, Berichte und Fotos, die über zweihundert Jahre Missionstätigkeit dokumentieren. Ein auf den ersten Blick unendlicher Fundus unendlich verschiedener Quellen. Was weniger auffällt: Am häufigsten sind Quellen, in denen Europäer zu Wort kommen. Auch die Perspektive von Führungspersonen anderer Länder ist enthalten.

Kritische Stimmen sind seltener dokumentiert

Viel seltener aber finden sich die Stimmen derer, die von der Missionstätigkeit betroffen waren – und noch seltener sind es kritische Stimmen. Darauf verwies Dr. Nana Opare Kwakye,Professor an der University of Ghana in Accra. Er war der erste Redner an der «Summer School» von Mission 21, an der sich während drei Tagen Menschen aus aller Welt über Rassismus heute und in der Vergangenheit, in Kirche und Gesellschaft austauschen. Besonders wichtig ist an der «Summer School» die afrikanische, asiatische und lateinamerikanische Perspektive.

Die Veranstaltung findet online statt, die Zahl der Teilnehmenden ist nicht begrenzt – Interessierte können sich weiterhin anmelden.

Unmissverständliche Klagen

Dr. Nana Opare Kwakye zeigte zwei eindrückliche Beispiele aus dem 19. Jahrhundert: Er untersuchte Briefe von afrikanischen Christen, die sich über die Zustände auf den damaligen Missionsstationen beschwerten. Die Klagen sind unmissverständlich: Der Missionar Andreas Riis, in Ghana bis heute verehrt für seine Tätigkeit, lasse Ungehorsame auspeitschen, heisst es. Ein anderer Missionar, August Fritz Ramseyer, behandle die Einheimischen «wie Tiere».

Opare hielt fest: «Die europäischen Missionsgesellschaften, darunter die Basler Mission, haben in Westafrika ein bleibendes Erbe hinterlassen. Angesichts ihrer Leistungen waren und sind sie immer noch hoch geachtet. (…) Die Geschichte ihres Wirkens ist weitgehend verehrend und triumphalistisch dargestellt worden. Trotzdem sind die Aufzeichnungen voll von negativen Wahrnehmungen der Missionare. Es gab Fälle, in denen sich die Missionare gegenüber den Menschen, denen sie die Botschaft brachten, sehr respektlos und manchmal rassistisch verhielten. Diese Fälle, die in den Missionsberichten zu finden sind, wurden normalerweise nicht veröffentlicht, um ein perfektes Bild der Missionsgesellschaften zu vermitteln.»

Das war erst der Auftakt!

Was bedeuten diese Geschichten für den heutigen Umgang mit Rassismus und Diskriminierung? Wer hat die Macht darüber, was erzählt wird und worüber wir schweigen? Wie wirkt die Vergangenheit nach und beeinflusst uns weiter? Antworten auf diese Fragen sollen während der Summer School herausgearbeitet werden. Die Veranstaltung am vergangenen Samstag, 11. September, bildete den Auftakt mit Diskussionsgruppen und mit Inputreferaten aus Nigeria und Indonesien, dem Südsudan, Kamerun, Tansania, Malaysia und Hongkong. Dem Referat von Dr. Nana folgte ein Vortrag von Professor P.T George aus Bangalore, Indien. Er forscht zum Umgang der Missionare und Missionsgesellschaften mit dem Kastensystem in Indien und hielt fest, dass Missionare im 19 Jahrhundert mit dazu beigetragen haben, die herrschende soziale Diskriminierung zu reduzieren.

Miriam Glass, Mission 21

Die Veranstaltung wird am Dienstag, 14. September fortgesetzt und findet am Freitag, den 17. September ihren Abschluss. Anmeldungen sind weiterhin möglich.