Interview mit Barbara Heer: Schutz und Prävention

Porträt von Barbara Heer, Gleichstellungsbeauftragte von Mission 21

Geschlechtsbezogene Gewalt ist auch in der Schweiz Realität. Barbara Heer, Gleichstellungsbeauftragte von Mission 21, erklärt, welche Verantwortung Kirchen tragen, warum verbindliche Schutzkonzepte zentral sind und wieso Männer eine zentrale Rolle für den Wandel spielen.

Wie sieht Deine Arbeit als Leiterin Stabsstelle Frauen und Gender bei Mission 21 aus?

Ich berate alle Mitarbeitenden und die Geschäftsleitung von Mission 21 zum Thema Gendergerechtigkeit und stelle sicher, dass sie das notwendige Werkzeug und Wissen zur Verfügung haben. Darüber hinaus initiiere ich mit anderen Fachpersonen zum Beispiel Themenfelder für innovative Pilotprojekte in unserem Netzwerk, wie kürzlich das Thema Männlichkeiten.

Männer und Männerbilder spielen eine Schlüsselrolle auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit und zur Prävention geschlechtsbezogener Gewalt. Es ist wichtig, schädliche Vorstellungen von Männlichkeit zu hinterfragen, die Gewalt begünstigen oder rechtfertigen können.

«Männer und Männerbilder spielen eine Schlüsselrolle auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit»

Gleichzeitig schränken enge Geschlechterbilder auch die Freiheit von Männern und Jungen ein – oft mit Auswirkungen auf ihre mentale Gesundheit. Nicht zuletzt gilt es anzuerkennen, dass auch Männer von sexualisierter Gewalt betroffen sind.

Geschlechterverhältnisse sehen weltweit unterschiedlich aus. Wie geht Mission 21 damit um?

Was Geschlechtergerechtigkeit bedeutet, ist von Kontext zu Kontext unterschiedlich und auch innerhalb eines Landes Teil eines gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses. Die Partnerkirchen und -organisationen von Mission 21, die sich gezielt gegen geschlechtsspezifische Gewalt einsetzen, kennen die strukturellen Ursachen vor Ort gut und wissen, wie diese angegangen werden müssen.

Mission 21 hat zudem einen internationalen Beirat für Geschlechtergerechtigkeit. Dort stellen wir unsere Arbeit kritisch zur Diskussion.

Gibt es Parallelen oder Unterschiede zwischen der Situation in der Schweiz und in Indonesien?

Beide Länder kämpfen mit hohen Fallzahlen, einer schwer zu erfassenden Dunkelziffer und einer wachsenden Bedeutung digitaler Gewalt. Mehrfachdiskriminierte Menschen sind besonders betroffen. Zivilgesellschaft und Staat arbeiten in beiden Kontexten intensiv am Ausbau von Schutzmassnahmen und der Verstärkung von Gesetzen. Die Revision des Sexualstrafrechts in der Schweiz wird seit Sommer 2025 umgesetzt. In Indonesien wurde 2022 ein zukunftsweisendes Gesetz verabschiedet, das jedoch durch aktuelle politische Entwicklungen wieder infrage gestellt wird.

Bei Zwangsverheiratungen und Menschenhandel gibt es in Indonesien eine grössere Verbreitung. Zudem ist der Zugang zu Schutzunterkünften und Polizei in Indonesien je nach Region sehr prekär.

Die rechtlichen Lücken und die Mängel bei der Umsetzung der Gesetze sind in Indonesien nochmals deutlich grösser. Oft übernimmt die Zivilgesellschaft Kernfunktionen, wie im Schutzzentrum Pasundan Durebang, das Mission 21 mitfinanziert. Auch in der Schweiz spielen NGOs eine wichtige Rolle, sie können aber stärker auf öffentliche Gelder bauen.

Welche Rolle können Schweizer Kirchen übernehmen?

Wie wir wissen, kann auch in Kirchen geschlechtsbezogene und sexualisierte Gewalt geschehen. Religionen werden immer wieder missbraucht, um Frauen eine angebliche Minderwertigkeit zuzuschreiben oder homophobe Haltungen zu legitimieren. Kirchen und Pfarrpersonen können sich massgeblich dagegen einsetzen, indem sie Menschenrechte in den Blick nehmen und alle Formen von Gewalt verurteilen.

«Kirchen müssen sichere Räume gewährleisten»

Kirchen müssen sichere Räume gewährleisten und es ist ratsam, Reglemente gegen geschlechtsbezogene und sexualisierte Gewalt zu haben und umzusetzen. Alle Partnerkirchen von Mission 21 verfügen über solche Reglemente.

Wichtig ist auch das Bewusstsein, dass genderbezogene und sexualisierte Gewalt eine grosse, häufig unsichtbare Problematik ist. Eine hohe Traumasensibilität von Seelsorgenden und kirchlichen Sozialberater*innen ist deswegen von zentraler Bedeutung.

Gibt es gesellschaftliche Veränderungen, die Du für notwendig hältst?

Neben dem Einbezug von Männern und der Veränderung von Geschlechterbildern brauchen wir insbesondere mehr Ressourcen für Prävention, Schutz und Unterstützung von Betroffenen.

Weitere Schritte zur Enttabuisierung sind nötig: Viele Betroffene sprechen ihr Leben lang nicht über ihre Erfahrungen, weil das Gesamtumfeld Grenzüberschreitungen tabuisiert oder relativiert. Zur Verbesserung all dieser Themen möchte die Kampagne von Mission 21 beitragen.

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