Koloniale Expansion: Missionare zwischen Unterstützung und Widerstand

ghana

Englische Regierungsbeamte, Vizegouverneur, Haussasoldaten, Abgesandte von Asante. Quelle: BM-Archives, QD-30.106.0058

Einen kritischen Blick auf die Geschichte der Mission wirft der Historiker Ulrich van der Heyden. Im Rahmen ihrer Webinar-Reihe zur Missionsgeschichte lud ihn Mission 21 ein, zum Thema «Mission und koloniale Gewalt» zu referieren. In seinem Vortrag zeichnete er ein zwiespältiges Bild der Mission.

Unterwerfungen fremder Völker mit Schwert und Kreuz hätten eine lange Geschichte, sagt der Historiker Prof. Dr. Dr. Dr. Ulrich van der Heyden im Webinar «Mission-Colonialism Revisited» von Mission 21 zum Thema «Mission und koloniale Gewalt». Die institutionalisierte Mission und die Regierungen suchten gern und oft die gegenseitige Unterstützung bei Expansionsplänen.

Gemeinsam stärker 

Nicht jede Kolonisierung wurde von der Kirche begleitet, relativiert van der Heyden. Und viele Missionare waren auch ohne staatliche Unterstützung unterwegs. Dennoch suchten sie oft die Zusammenarbeit.

Im 19. Jahrhundert entstanden erste protestantische missionarische Gesellschaften, die ihre Mitarbeiter aussandten. «So wurden die Missionare wichtige Akteure der Globalisierung, denn sie waren ja nicht nur vor Ort tätig, sondern durch sie wurde wichtiges Wissen über die Beschaffenheit der außereuropäischen Welt und deren Kulturen in die alte Welt verbreitet, was wiederum weitere Europäer dorthin ziehen liess», so van der Heyden.

Auch eine der ältesten protestantischen Missionsgesellschaften, die 1815 gegründete Basler Mission, zählte auf den Schutz von Kolonialmächten, zum Beispiel von England. An der Goldküste, dem heutigen Ghana, drangen Missionare aus Basel ins  Gebiet des Asante-Reiches im Landesinneren vor und mussten sich vor Angriffen in Acht nehmen. Die Basler Mission lobbyierte gleichzeitig im britischen Unterhaus für eine koloniale Unterwerfung der Asante und unterstützte die militärischen Feldzüge der Briten gegen die Asante-Könige mit eigenen Kompagnien, wie Claudia Buess, Studienleiterin bei Mission 21, ausführte.

Anwälte oder Agenten?

Müssen die protestantischen Missionare also als Agenten der europäischen Kolonialisierung gesehen werden? Haben sie mit ihrer Arbeit zur Kolonialgewalt gegen ansässige Ethnien beigetragen? Van der Heyden sagt dazu: «Es kann nicht ernsthaft bezweifelt werden, dass die meisten Missionare im 19. Jahrhundert dem kolonialen Gedanken anhingen.» Viele Missionare hätten sich aber, betont van der Heyden, als «Anwalt der Eingeborenen» – so der zeitgenössische Begriff – verstanden.

So hat zum Beispiel der deutsche Missionar Alexander Merensky noch im Alter seine Einstellung zur kolonialen Machtpolitik Deutschlands im Transvaal stark geändert. In seiner ersten Lebenshälfte trat er für die Expansion des Christentums und der kolonialen Mission in Deutsch-Ostafrika ein. Im Alter schrieb er der christlichen Mission die Pflicht zu, sich vehement gegen «Ungerechtigkeiten, Schändlichkeiten und Verbrechen» der Europäer einzusetzen. 

Sowohl als auch

Die Unterstützung respektive der Widerstand der Missionare gegen die Kolonialmächte variierten stark. Die Mehrheit der deutschen Missionare unterstützte die kaiserlichen Vormärsche in Afrika nicht direkt. Auf der anderen Seite leisteten Missionare aus Berlin bei Aushebungen der Buren und Engländer unter den Einheimischen kaum Widerstand. Andere versuchten zwischen den Ansässigen und den Kolonialmächten zu verhandeln und Dritte teilten ihr Wissen als Pfadfinder, Dolmetscher oder Schreiber. Was aber so gut wie nie vorkam ist, dass Missionare selbst Waffen in die Hand nahmen.

Eine abschliessende Antwort auf die Frage, ob die Missionare Agenten des Kolonialismus waren oder nicht, sei unmöglich, sagt van der Heyden: «Ein pauschales Urteil zu dieser Thematik kann es nicht geben». Die Synergien beider Bewegungen seien zwar nicht von der Hand zu weisen. Dennoch, so der Historiker, können die Missionare nicht pauschal verurteilt werden.

«Wir können darüber mit unterschiedlichen Standpunkten diskutieren», sagt van der Heyden zum Schluss. Aber, betont er, letzten Endes würden die Betroffenen in den ehemaligen Kolonialgebieten selber entscheiden, wie sie diese Bewertung vornehmen.

Text: Samuel Rink

van der heyden

Prof. Dr. Dr. Dr. Ulrich van der Heyden ist Afrika-, Missions- und Kolonialhistoriker sowie Politikwissenschaftler. Er beschäftigt sich seit vierzig Jahren mit der Geschichte von christlichen Missionen zur Zeit des Kolonialismus in Afrika und hat über 60 monographische Publikationen und mehr als 200 wissenschaftliche Aufsätze verfasst und ist Initiator und (Mit-)Herausgeber von sieben Buchreihen. Van der Heyden ist Visiting Research Professor an der University of South Africa, Pretoria, zudem Privatdozent an der Freien Universität Berlin und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin.

Hoffnung dank Ihrer Unterstützung

Mission 21
Evangelisches Missionswerk Basel
Postfach 270
Missionsstrasse 21
4009 Basel, Schweiz
Tel.: +41 (0)61 260 21 20
info@mission-21.org

Spendenkonto:
IBAN: CH58 0900 0000 4072 6233 2
Steuerbefreiungsnummer:
CHE-105.706.527

csm eduqua logo.svg a0d3023d4c
Mitglied von:
csm logo act alliance transparent 818f68196c
Folgen Sie uns in den Sozialen Medien:
csm logo zewo transparent ccd759b6cd
Nach oben blättern