Prominent besetzte Fachtagung über Geschlechterrollen in den Religionen

Die Fachtagung von Mission 21 zum Thema Geschlechterrollen in den Religionen stiess auf grosses Interesse mit starker Medienpräsenz. Über hundert Fachleute kamen ins Missionshaus, um etwa den Psychologen Ahmad Mansour oder die Islamwissenschaftlerin Amira Hafner-Al Jabaji zu hören und mit ihnen zu diskutieren. Ein besonderer Fokus der Veranstaltung galt dem Islam.

Das Thema Geschlechterrollen in den Religionen bewegt die Menschen und erhitzt die Gemüter. Das grosse Interesse für dieses Thema spiegelte sich auch am 5. März im Missionshaus in Basel wieder: Volle Stuhlreihen, aufmerksame Gesichter im Publikum. Über hundert Männer und Frauen kamen teils von weit her für diese Fachtagung ins Missionshaus. Die vielseitigen Referate und Workshops zum Thema wurden von vier Expertinnen und Experten aus den Bereichen Psychologie, Islamwissenschaft und Entwicklungszusammenarbeit gehalten und machten vor allem eines deutlich: Ohne eine differenzierte Betrachtung des Themas kommen wir nicht weiter.

Von Ehre und Vaterfiguren

Differenziert wirkte auch der wohl prominenteste Referent der Runde, der deutsch-palästinensische Psychologe und Islamismus-Experte Ahmad Mansour – auch wenn er seine Beobachtungen und Analysen klar und markant formulierte. Mansour fragte nach, weshalb junge Männer im Namen der „Ehre“ gewalttätig werden oder sich radikalisieren und zu islamistischen Kämpfern oder Attentätern werden. Untersuchungen solcher Fälle zeigten Gemeinsamkeiten: ein patriarchales Elternhaus, eine fehlende Vaterfigur, Ausgrenzung in der Schule und mehr.

Die Muster seien ähnlich bei Rechtsradikalen: es handle sich nicht primär religiöse, sondern um psychologische Probleme. Junge Menschen finden in ihrer persönlichen Krise Halt bei Radikalen, die ihnen eine vermeintliche „Befreiung“ aus den patriarchalen Strukturen böten. Darum brauche es andere Angebote, um die Jugendlichen abzuholen: Prävention, Unterstützung der Familien, Gleichberechtigung von Jungen und Mädchen und das Aufbrechen von sexuellen Tabus. Zentral dafür sei es, Lehrerinnen, Lehrer und Menschen in Sozialberufen weiterzubilden, damit diese mit der Herausforderung besser umgehen könnten.

Gott als geschlechtsloses Wesen

Das Referat der Islamwissenschaftlerin Esma Isis-Arnautovic drehte sich rund um das Thema Islam und Körperlichkeit. Sehr sachlich und unaufgeregt führte sie ein in die islamische Körperpraxis, die Menstruation im Islam, das Thema Reinheit und die Körperlichkeit von Gott und Mensch. Sie verwies darauf, dass Gott im Islam nicht anthropomorph und damit weder männlich noch weiblich sei – eine gute Voraussetzung also für eine gleichberechtigte Religionsauslegung. Im Islam werde der Mensch auch ohne Erbsünde geboren und die Religion sei – entgegen populärer Annahmen – nicht körperfeindlich: „Auch Sexualität darf im Islam durchaus lustvoll sein!“

Isis-Arnautovic klärte einige Missverständnisse und Vorurteile über den Islam auf. Die bekennende Feministin legte den Finger aber auch auf ambivalente und problematische Aspekte ihrer eigenen Religion: „Beim Mann reicht der Schambereich im Islam vom Bauchnabel bis zu den Knien, bei den Frauen wird fast der gesamte Körper zur Schamzone erklärt. Das ist natürlich problematisch.“

Geschlechterrollen in der internationalen Zusammenarbeit

Magdalena Zimmermann schlug in ihrem Referat den Bogen zur Internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Aufgrund von Beobachtungen stellt sie fest: Die gleiche Religion und ähnliche Glaubensgrundsätze zu haben, führt noch nicht dazu, dass Frauen und Männer in unterschiedlichen Gesellschaften gleich behandelt werden. Kulturelle und soziale Unterschiede sind auch mitbeteiligt, dass Frauen weltweit gegenüber Männern stark benachteiligt sind.

Was heisst das konkret in der Entwicklungszusammenarbeit im Umgang mit Geschlechterrollen? Die Antwort liegt in den Prinzipien des kultursensitiven Beobachtens und der Partizipation. Es sei nötig, andere Gesellschaften als komplexe Systeme zu begreifen und Machtverhältnisse zu erkennen. So habe man eine Chance, Veränderungen anzustossen. Und damit diese erfolgreich und nachhaltig wirken, sei Partizipation der entscheidende Faktor. Wenn Frauen ihre Bedürfnisse einbringen und beim Projekt mitplanen können, trage das entscheidend zum Erfolg bei. Voraussetzung für all dies sei es freilich auch, die eigene Geschlechterrolle reflektieren zu können, schliesst Zimmermann.

Eindeutige Antworten greifen zu kurz

"Geschlechterrollen im Islam: Unterdrückung oder Gleichberechtigung?" Das fragte die Islamwissenschaftlerin und SRF-Sternstunde-Moderatorin Amira Hafner-Al Jabaji bei ihrem Referat. Der spannende Vortrag machte vor allem deutlich, dass beide Antworten auf die komplexe Gender-Thematik zu einseitig sind. Dies zeige sich zum Beispiel in der oft sehr emotional geführten Debatte, ob frau Muslimin und Feministin zugleich sein könne. „Von den Gegnern wird oft angeführt, dass solche Frauen entweder keine richtigen Musliminnen oder nur halbe Feministinnen seien.“ Ebenso apologetisch sei aber die Argumentation mancher muslimischer Feministinnen, in deren Augen Frauen dem Islam überhaupt erst die Anerkennung als richtige Menschen zu verdanken hätten.

Hafner-Al Jabaji machte in ihrem Referat deutlich, dass Religion nie als isoliertes Wertegefüge, sondern immer kontextuell betrachtet werden muss. Durch spannende und zum Teil auch überraschende Fakten und historische Vergleiche legte sie nahe, dass das hartnäckige Fortbestehen des Patriarchats in der muslimischen Welt weniger den eigentlichen Inhalten geschuldet ist, sondern der wirtschaftlichen und soziologischen Entwicklung in ebendiesen Weltregionen.

Die Veranstaltung zeigte, dass Geschlechterrollen und das Patriarchat nicht primär auf einzelne Religionen, sondern auf ein kompliziertes Zusammenspiel aus Kultur, Wirtschaft und Geschichte zurückgehen. Diese Einsicht nimmt Religionen und ihre Glaubensgemeinschaften aber nicht aus der Pflicht, im Gegenteil. Wie der Psychologe Ahmad Mansour zum Schluss sagte: „Ich beobachte, dass die Debatte sehr polarisiert und moralisierend geführt wird. Einerseits werden Religionen und insbesondere der Islam oft als unterdrückende Übel verteufelt. Auf der anderen Seite gibt es eine Multikulti-Naivität, die problematische religiöse Inhalte und Praktiken verharmlost.“

Eine differenzierte Debatte ist also wichtig. Eine, die anerkennt, dass es kompliziert ist. Denn die religiösen Schriften bergen – je nach Auslegung – sowohl das Potential für Gleichberechtigung und Feminismus, als auch für die Legitimation und Festigung patriarchaler Strukturen.

Text: Christoph Racz und Mara Wirthlin

 

Die Fachtagung in den Medien:

► Radio SRF 2 Kultur: "Perspektiven" vom 25. März 2018

► Radio X: Beitrag während Antirassismus-Woche

► Telebasel: "Talk" - Interview mit Ahmad Mansour