Bibelstudium im Paradies

Pfarrer Matthias Bordt weilte für drei Monate in einem Sabbatical an der Lateinamerikanischen Bibeluniversität in San José, Costa Rica. An der Partnerorganisation von Mission 21 gewann der Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Andelfingen (ZH) neue Impulse. Wir stellten Pfarrer Matthias Bordt zehn Fragen zu seinem Aufenthalt in der Schweiz Zentralamerikas.

 

1) Warum machen Sie ein Sabbatical? Und warum gerade in Lateinamerika?

Nach 25 Jahren im Pfarramt tut eine Auszeit sehr gut. Mich hat die Herausforderung gereizt, längere Zeit in einem ganz anderen Kontext zu verbringen, dessen Sprache ich erst am Lernen bin…

 

2) Weshalb haben Sie sich für dieses Sabbatical aus dem Angebot von Mission 21 an der Bibeluniversität UBL in Costa Rica entschieden?

Ich wusste, dass Mission 21 Sabbaticals vermittelt, und Lateinamerika stand mir näher als Asien. Ich verbrachte vor 30 Jahren bereits zwei Monate in Lateinamerika. Damals war ich zu Besuch bei einer Austauschstudentin, die – über Mission 21 – in Buenos Aires Theologie studierte. Nicht zuletzt kommen mir die klimatischen Bedingungen entgegen, in San José auf 1300 Meter über Meer hat es meist um die 25 Grad Celsius.

 

3) Hatten Sie schon vor dem Sabbatical Kontakt mit Mission 21?

Ja, meine Mutter arbeitete schon im „Missionsverein“ unserer damaligen Kirchgemeinde mit; später war ich unter anderem über Jahre im Konfirmandenlager für jeweils einen Vormittag bei Mission 21 zu Gast.

 

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Matthias Bordt während seines Sabbaticals in Costa Rica. Foto: D. Fulda

 

4) Welchen Kurs an der UBL finden Sie besonders interessant?

Ich belege zwei Kurse als Hörer: Hermeneutik (bei Elisabeth Cook) und Soziologie des Alten Testaments (bei José Ramirez). In beiden Kursen sind für mich die Textinterpretationen und die Aktualisierungen am interessantesten, dazu die Beiträge von Mitstudierenden, die in der kleinen Runde (wir sind fünf bis maximal 15 Teilnehmende) oft auch sehr Persönliches berichten.

 

5) Wo wohnen Sie in Costa Rica?

Ich wohne zusammen mit den anderen Präsenz-Studierenden in einem sehr einfachen, aber sauberen Studentenheim auf dem schönen Campus. Wir kaufen gemeinsam auf dem Wochenmarkt ein und helfen uns mit allem Möglichen aus. Man muss dazu sagen, dass über die letzten Jahre die UBL zu einer Fernuniversität geworden ist und die grosse Mehrheit der Studierenden über Online-Foren diskutiert. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Theolog*innen aus ganz Lateinamerika an der UBL studieren, die Distanzen also sehr weit sind, aber auch damit, dass viele Studierende einer Arbeit nachgehen (zum Teil auch bereits in Kirchgemeinden).

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Matthias Bordt beschreibt das Wohnheim auf dem Campus als kleines Paradies. Foto: M. Bordt

 

6) Was war bis jetzt Ihr lustigstes Erlebnis?

Ich bin mit dem Mietwagen einige Male falsch in Einbahnstrassen eingebogen – die sind nicht immer angeschrieben. Sofort wurde ich von Fussgängern mit wildem Gestikulieren auf meinen Irrtum aufmerksam gemacht! Daneben bilden sprachliche Unterschiede (auch zwischen den Studierenden aus verschiedenen lateinamerikanischen Ländern) immer wieder Anlass zu Missverständnissen und entsprechenden Lachern.

 

7) Inwiefern unterscheidet sich die evangelische Kirche in Costa Rica von der evangelischen Kirche in der Schweiz?

Es gibt hier keine „Landeskirche“ in unserem Sinn. (Das wäre am ehesten noch die katholische Kirche, der weiterhin die grosse Mehrheit der Bevölkerung angehört.) Es existieren aber viele „traditionelle“ (Frei-)Kirchen wie Lutheraner, Anglikaner, Methodisten oder Baptisten, dazu inzwischen auch etliche pfingstlich-charismatische Bewegungen mit für uns teils kuriosen Namen, zum Beispiel „Kirche Gottes“.

Die deutschsprachige lutherische Gemeinde ist Heimat für viele Expats, die erst «nur ein paar Jahre» bleiben wollten. Ihre Liturgie ähnelt der unseren am meisten. Aber auch dort ist augenfällig, was mir bei meinen Gottesdienstbesuchen in ganz unterschiedlichen Gemeinden auffiel, dass die Liturgie nicht so fix ist und die Prediger*innen sehr persönlich von sich her in die aktuelle Situation sprechen. Allen Gemeinden (ausser der deutschsprachigen lutherischen) ist eine grosse Vielfalt besonders in den Liedern eigen, bisweilen ist dies auch dem begrenzten Können der Musiker*innen geschuldet.

 

8) Wie wird vor Ort Spiritualität gelebt und konnten Sie bereits neue Impulse für Ihre Spiritualität mitnehmen?

Es gibt viele Impulse, doch sind das immer auch „Pakete“: Die Schwarzen der Karibikküste tanzen in den Bänken mit bei den Calypso-Liedern im englischsprachigen anglikanischen Gottesdienst – das fühlt sich toll an, überfordert aber uns Schweizer*innen wohl auf Dauer… Ein Impuls, der sich durchzieht, ist das Zulassen des Unvollkommenen: Der Musiker steckt noch im Stau, also singen wir bis dahin a cappella… Etwas Besonderes ist die wöchentliche Mittwochsliturgie an der UBL mit allen (gerade anwesenden) Dozierenden, Studierenden und weiterem Personal. Da wird zum Beispiel auch sehr persönlich für die Auslandreise einer Dozentin oder die Heimreise meiner Familie gebetet.

 

9) Mit welchen sozialen Problemen haben die Menschen in Costa Rica zu kämpfen und welche Lösungsansätze bietet die Kirche an?

Costa Rica ist in Zentralamerika ein vergleichsweise sicheres und reiches Land und zieht darum viele Flüchtlinge beispielsweise aus Krisenländern wie Nicaragua, Honduras oder auch Venezuela an. Costa Rica ist sehr gastfreundlich, doch muss der Staat unter anderem darum – trotz abgeschafftem Militär – zusätzlich Steuern erheben.

Daneben sind der Machismo oder anders gesagt die Unterdrückung der Frauen, aber auch die Diskriminierung von Minderheiten, eine Realität. Zum Jubiläum einer spanischsprachigen lutherischen Kirche sang ein Chor aus Homosexuellen und Transgender-Personen – das war ein sehr starkes Zeichen!

 

10) Ist etwas ganz anders, als wie Sie es erwartet hatten?

Mir war nicht klar, wie voll das Programm der Studierenden hier ist. Nebst den dreistündigen Doppelseminaren wird mit wöchentlich 12 Stunden Zeitbedarf für Lektüre-Zusammenfassungen, Gedanken-Tagebuch, Präsentationen und Nacharbeit gerechnet. Daneben wird sehr viel Zeit in die Essenszubereitung investiert. Diese geschieht aber meist gemeinsam und ist oft sehr lustig. Dazu kommt natürlich, dass ich älter bin als die meisten anderen Studierenden, was die Freizeitgestaltung insbesondere im Kulturbereich beeinflusst. So war ich oft allein in - hervorragenden! -  Konzerten.

Interview: Eva Sidler

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