Dialog International: Gesundheitsversorgung früher und heute

Dialog International vom 25. April 2019: Unter dem Titel „Körperbilder“ referierte Historikerin Linda Ratschiller über Hygiene- und Gesundheitsvorstellungen von Missionaren an der Goldküste um 1900. Der Epidemiologe Marcel Tanner brachte den bis auf den letzten Platz gefüllten Saal mit seinem Vortrag über Gesundheitsversorgung in Afrika zurück in die Gegenwart.

 

Das Thema Gesundheit stand dieses Mal im Vordergrund der Veranstaltungsreihe Dialog International von Mission 21. Die zahlreichen Gäste fanden den Einstieg zum Thema durch den fundierten Vortrag von Linda Ratschiller über Gesundheitskonzepte der Basler Missionare um 1900. Denn nicht nur Geist, Herz und Seele der Afrikaner und Afrikanerinnen sollten durch das Evangelium gesunden, sondern auch der Körper. Der begnadete Redner Marcel Tanner leitete dann ins Heute zurück. Der ehemalige Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health Instituts, Swiss TPH, berichtete aus seinem riesigen Erfahrungsschatz über die Bekämpfung von Malaria und anderen Infektionskrankheiten in Afrika.

 

Basler Missionare prägten Hygienevorstellungen und die Tropenmedizin

Linda Ratschiller forschte intensiv im Archiv der Basler Mission, im Rahmen des Nationalfonds-Projekts „Hygiene Abroad and at Home. The Basel Mission Doctors and Spaces of Knowledges 1885-1914“. Sie beschäftigte sich mit um 1900 entstandenen Hygienekonzepten der Missionare in der britischen Kronkolonie Goldküste (Teile des heutigen Ghanas). Die Hygiene ist eine der zentralen Dimensionen kolonialer Kultur und war somit auch Thema der Missionare. In ihren Texten widerlegten sie beispielsweise die damals gängige Vorstellung, dass schwarze Menschen dreckig seien, vielmehr besässen diese ein ausgeprägtes Sauberkeitsbedürfnis.

Die Basler Missionare prägten auch das neue Feld der Tropenmedizin mit. Viele von ihnen starben am sogenannten „Tropenfieber“, daher fingen sie früh an, dazu zu forschen. Die Missionare beteiligten sich rege an der wissenschaftlichen Debatte in Europa. Sie etablierten sich als anerkannte Experten für Tropenmedizin, da sie direkt vor Ort Erfahrungen mit den Krankheiten sammeln konnten. Die erste deutschsprachige Monographie zu tropischen Krankheiten verfasste dann auch der Missionsarzt Dr. Rudolf Fisch an der Goldküste. Ratschiller betonte aber auch, dass bezüglich der Tropenkrankheiten ein reger Wissensaustausch bestand, an dem europäische und afrikanische Akteure und Akteurinnen beteiligt waren.

 

Ein partnerschaftlicher und ganzheitlicher Ansatz

Der emeritierte Professor Marcel Tanner strich heraus, wie wichtig das gemeinsame Lernen ist, um Veränderung in der Gesundheitsversorgung zu bringen: „Gute Partnerschaften sind extrem wichtig!“ Das beste Medikament nütze nichts, wenn kein Austausch mit den Menschen vor Ort stattfinde: „Reines Forschen im Labor bringt wenig, ohne die soziokulturelle und sozioökonomische Situation der Menschen zu kennen, die nachher die Medikamente erhalten.“ Zum Beispiel komme es oft vor, dass ein Medikament abgesetzt wird, sobald eine Besserung des Gesundheitszustandes eintritt, anstatt die Anwendungsdauer einzuhalten. Das Medikament werde aufbewahrt, falls die Person erneut erkrankt. Dies zeigt, wie mangelndes Anwendungswissen und Armut eine enorme Rolle bei der Bekämpfung von Krankheiten spielt.

Daher plädierte Tanner für einen ganzheitlichen Ansatz in der Gesundheitsversorgung. Erfolge treten ein, wenn – wie am Swiss TPH – Forschung, Ausbildung und Umsetzung miteinander kombiniert werden. „Grosse Verbesserungen in der Gesundheitsversorgung in Afrika sind nämlich möglich“, sagte Tanner, und zeigte dies am Beispiel Tansania auf. Hier bestehen mit dem Swiss TPH langjährige Partnerschaften. Tansania erhöhte seine Gesundheitsausgaben um einen US-Dollar pro Kopf und Jahr, um das Gesundheitsmanagement zu verbessern. Heute sterben deswegen 120‘000 Kinder unter 5 Jahren pro Jahr weniger.

 

Rege Diskussionen

Das Publikum konnte am Schluss brennende Fragen loswerden. Tanner beantwortete beispielsweise, weshalb Malaria in Europa fast nicht auftaucht, obwohl es auch hier die Mücke gibt, welche die Krankheit überträgt. Ratschiller wies darauf hin, dass der Begriff Tropenmedizin nicht ganz korrekt ist. Krankheiten in den Tropen können nämlich auch durchaus in Europa auftreten. Am anschliessenden Apéro bot sich eine weitere gut genutzte Gelegenheit, sich mit den Referierenden auszutauschen und über unsere Gesundheitsversorgung zu diskutieren.

 

Mission 21 engagiert sich mit Programmen im Bereich Gesundheit in Tansania, Ghana, der DR Kongo und Kamerun sowie mit einem Kontinentalen HIV-Programm für Afrika.

Text & Foto: Eva Sidler