Bildvorlage mit Botschaft

Der Südpazifik war kein Einsatzgebiet der Basler Mission. Entsprechend wenige Bilder aus dieser Region haben wir in unserer Fotosammlung. Um trotz fehlendem Material Berichte in Büchern und Zeitschriften bebildern zu können, griffen Verlage im 19. Jahrhundert zu sogenannten "Clichébüchern". Mit deren Hilfe konnten sie aus einer grossen Anzahl von vorgegebenen Illustrationen auswählen. Auch der Verlag der Basler Mission hat im Jahr 1881 ein solches Clichébuch mit rund 2000 Bildern hergestellt, aufgeteilt nach Ländern und Kontinenten.

Cliché bezeichnete die entsprechende Drucktechnik nach dem französischen Begriff für "Abklatsch" und nicht das Klischee als Stereotyp, auch wenn die Illustrationen manchmal nahe am Klischee waren.

Im Clichébuch der Basler Mission findet sich auch dieses Bild mit dem Titel "Häuptling auf dem Paradebett – Neuseeland". Zu sehen ist ein sitzender Mann, umgeben von diversen Utensilien, Knochen und abgeschlagenen Köpfen sowie einem Totempfahl.

Ein Paradebett war im Barock das zeremonielle Empfangsbett eines Herrschers; zum Beispiel von Ludwig XIV. oder Maria Theresia. Diese dürften prächtiger ausgestattet gewesen sein als dasjenige des Maori-Häuptlings.

Ein Paradebett bezeichnete jedoch auch ein Gerüst, mit dem die Leiche einer hochgestellten Person öffentlich zur Schau ausgestellt wurde. Und tatsächlich: Im "Calwer historisches Bilderbuch der Welt" von 1883 ist dasselbe Cliché abgedruckt, seitenverkehrt und mit einem anderen Titel: "Sterbender Häuptling, umgeben von den Schädeln seiner erschlagenen Feinde."

Demnach ist hier kein Stammesführer abgebildet in der Erwartung, huldvoll Gäste zu empfangen, sondern ein Mann im Angesicht seines Todes. Der Totempfahl zeigt an, dass es sich nicht um einen Christen handelt. Die Utensilien vergangener Schlachten wie Schild und Schwert sind abgelegt und hängen an einem Zaun.

Die Knochen und Totenschädel symbolisieren, dass dieser Häuptling ein Kannibale war. Umgeben ist er von den aufgespiessten Köpfen seiner früheren Feinde. Sie mögen ihn an vergangene Schlachten erinnern, aber auch an die Sinnlosigkeit seines Lebens. So viele Menschen hat er getötet, aber wozu? Jetzt ist er selbst kurz davor ihnen in den Tod nachzufolgen.

Dies ist dann auch die Botschaft dieses Clichés: Im Angesicht des Todes über sein Leben nachzudenken, es für gut zu befinden oder zu bereuen. Selbst wenn man dabei in die Augen derjenigen schauen muss, denen man Leid zugefügt hat.

Text: Patrick Moser, Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Archiv von Mission 21