«Die Zukunft dekolonialisieren» lautete der Titel der gemeinsamen Podiumsveranstaltung von Mission 21 und dem Museum der Kulturen Basel. Fachleute aus der Geschichts-, Sprach- und Literaturwissenschaft brachten unterschiedliche Perspektiven in eine anregende Diskussion ein. Die Performance des Kulturvereins PLOUS eröffnete einen poetischen Zugang zur Frage des Abends, wie eine dekoloniale, gerechte und friedliche Zukunft gestaltet werden kann.
Der Ansatz des Abends folgte der Erkenntnis, dass Dekolonialisierung eine fortdauernde Aufgabe darstellt und auch die Schweiz betrifft. Diese beherrschte zwar keine Kolonialgebiete, sie war aber in den Kolonialismus verstrickt – und koloniale Strukturen wirken auch hier bis heute fort und beeinflussen, wie wir Zukunft gestalten. Durch die Veranstaltung führte Barbara Heer, Leiterin der Stabsstelle Frauen und Gender bei Mission 21.
Friedrich von Bose, Direktor des Museums der Kulturen und Gastgeber des Abends, sowie Werner Hanak, Leiter Strategische Projekte der Abteilung Kultur des Kantons Basel-Stadt überbrachten die Grussworte. Sie regten dazu an, sich mit den Konsequenzen für das Zusammenleben heute und morgen auseinanderzusetzen, die sich aus der kolonialen Vergangenheit ergeben.
Als Podiumsgäste waren die Historikerinnen Felicity Jensz und Constantje Siegenthaler, der Historiker und Lyriker Henri-Michel Yéré sowie die Literatur- und Sprachwissenschaftlerin Patrizia Zanella eingeladen. Im Gespräch mit Amélé Ekué, Abteilungsleiterin Bildung, Austausch, Forschung, und Manuel Menrath, Teamleiter Bildung, beide von Mission 21, brachten sie ihre unterschiedlichen fachlichen und persönlichen Perspektiven auf die Thematik ein.
Für die rund 50 Personen im Publikum wurde ein attraktiver Einstieg gewählt: Anhand eines persönlich ausgewählten Bildes erläuterten die Podiumsgäste ihren jeweiligen Zugang zum Thema und teilten eigene Erfahrungen und Reflexionen. Diese reichten von familiären Traumata, die auf die Kolonialzeit zurückgehen, über stereotype Bildwelten und den Verlust von Sprachen bis hin zu den Herausforderungen, sich von kolonialen Machtstrukturen zu befreien. Zugleich stellten sie indigene Welt- und Sprachbilder vor, deren symbolischer Reichtum für Resilienz und selbstbestimmte Kreativität steht.
In einer zweiten Gesprächsrunde diskutierte das Podium darüber, wie Bilder dekonstruiert und neu gesehen werden können und wie sogenannt «lokale» Sprachen als Erbe und Basis erstarkenden Selbstbewusstseins für zukünftige Generationen erneuert werden können und müssen.

Künstlerisch erweiterte der Kulturverein PLOUS mit “Remember the future” den Anlass. PLOUS gestaltete auf eindrückliche Weise Passagen aus “Oktana”, einem Langgedicht des griechischen Lyrikers Andreas Embirikos, das eine poetische Vision eines neuen Menschseins und einer neuen Weise, die Welt zu bewohnen, entwirft.
RoundTable – neues Bildungsformat von Mission 21
Die Abendveranstaltung “Die Zukunft dekolonialisieren”, war der öffentliche Teil im Rahmen des neuen Bildungs- und Austauschformats RoundTable von Mission 21. Unter dem Titel “Die Zukunft erinnern” widmeten sich Fachleute am 15. und 16. Oktober 2026 dem Thema der Kolonialisierung als globaler Geschichte und der Dekolonialisierung als gemeinsamer Verantwortung. Sie betonten dass es beim Erinnern an das Unrecht der Kolonialgeschichte nicht nur um Bearbeitung der Vergangenheit gehe, sondern um Gestaltung der Zukunft: „Re-membering“ als In-Beziehung-Setzen, als Verknüpfung von Vergangenheit und Zukunft. Einige der teilnehmenden Fachleute wirkten auch auf dem Podium mit und schlugen so eine Brücke zur breiteren Öffentlichkeit.
Am RoundTable, unter anderem auch in vier Workshops, wurden verschiedene Zugänge zum Thema Dekolonialisierung diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass die unterschiedlichen Situationen und Deutungen als Teile eines globalen Geflechts von Erinnerungskulturen gelesen werden können. Militarismus und die Ausbeutung von Bodenschätzen in Ländern des Globalen Südens haben sich als Kennzeichen des Kolonialismus erwiesen und setzen sich in der Gegenwart als „koloniales Kontinuum“ fort.
Welche Wege aber weisen in die Zukunft? Ein wichtiger Weg ist das Erinnern bisher tabuisierter Ereignisse der Geschichte, zum Beispiel in Sulawesi (Indonesien) mittels Zeitzeugen-Interviews. Oder das Erinnern verschütteter kultureller Elemente, wie ein Projekt in Kamerun, das seit 2023 die verdrängte Bankon-Sprache wiederbelebt, nachdem sie erstmals durch Basler Missionare ab 1912 verschriftlicht worden war.
Die Beteiligung der jungen Generation an diesen Prozessen der Zukunftsgestaltung ist entscheidend. Es ist eine mögliche Antwort auf die Frage, wie Kinder und Jugendliche, die als Folge der Kolonialgeschichte heute an den Rand gedrängt sind, die Zukunft mitgestalten können. Unsere gemeinsame Verantwortung besteht darin, Lösungen zu finden, wie wir verhindern können, heute auf Kosten zukünftiger Generationen zu leben.

Der RoundTable Dekolonialität soll im nächsten Jahr mit interdisziplinärer und internationaler Besetzung weitergeführt werden.




