bronze plate with dates, coffee cup, arabic lantern and aladdin lamp on dark green wooden background. ramadan kareem. ramadan background. flat lay.

Fasten - Mehr als Verzicht

Eine persönliche Annäherung aus muslimischer Perspektive
von Betül Cam, Leiterin Kommunikation Mission 21

Wenn von Fasten die Rede ist, denken viele zuerst an Verzicht: kein Essen, kein Trinken, Regeln, Disziplin. Doch Fasten ist weit mehr als das. In vielen Religionen und spirituellen Traditionen ist es ein bewusstes Innehalten, eine Einladung, sich selbst, die eigenen Werte und die Beziehung zu anderen Menschen neu zu betrachten.

Meine eigene Beziehung zum Fasten ist geprägt von Vielfalt. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen mit einem alevitischen Vater und einer sunnitischen Mutter. Beide haben selbst nicht gefastet, haben meine beiden Schwestern und mich aber mit grosser Selbstverständlichkeit in beide Glaubensrichtungen eingeführt. Religion war bei uns nie Zwang, sondern Wissen, Geschichte und Haltung. Vielleicht ist genau daraus meine heutige Sicht auf das Fasten entstanden: offen, suchend, verbindend.

Fasten im Islam und darüber hinaus

Im sunnitischen Islam ist der Fastenmonat Ramadan zentral. Er ist eine Zeit der inneren Einkehr, der Solidarität mit Bedürftigen und der bewussten Selbstdisziplin. Nicht nur Essen und Trinken stehen im Fokus, sondern auch das eigene Verhalten. Wie spreche ich mit anderen? Wie begegne ich mir selbst? Was lasse ich weg und was lasse ich zu?

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Meine erste bewusste Erfahrung mit dem Ramadan habe ich während meines Studiums in Deutschland gemacht. Die schönsten Erinnerungen daran sind für mich das gemeinsame Fastenbrechen nach Sonnenuntergang. Student*innen unterschiedlicher Nationen kamen zusammen, um auf den Moment zu warten, in dem der Fastentag endet. Das Mahl wurde Abend für Abend sorgfältig vorbereitet und in einer fast festlichen Atmosphäre geteilt. Essen war dabei kein Nebenbei, sondern ein sinnliches Ritual, das verband. Gerade im Ramadan hat dieses gemeinsame Iftar, wie das Fastenbrechen nach Sonnenuntergang genannt wird, einen hohen Stellenwert. Es schafft Nähe, Gemeinschaft und ein tiefes Gefühl von Liebe und Dankbarkeit.

Im alevitischen Glauben hat das Fasten eine andere Form und Bedeutung. Die Bekannteste ist das zwölftägige Muharrem-Fasten, das an das Leid und den Tod von Imam Hüseyin erinnert. Sein Märtyrertod in der Schlacht von Kerbela gilt als Symbol für Gerechtigkeit und Opferbereitschaft. Es ist stiller, getragen von Trauer, Mitgefühl und kollektiver Erinnerung. Auch hier geht es nicht um körperlichen Verzicht allein, sondern um moralische Haltung, um Empathie und um das Bewusstsein für Ungerechtigkeit. Diese unterschiedlichen Formen des Fastens haben mich gelehrt: Es gibt nicht das eine Fasten. Aber es gibt eine gemeinsame Essenz.

kamil szumotalski wbl3wtv4ty8 unsplashEine interreligiöse Sprache des Innehaltens

Fasten findet sich auch im Christentum, im Judentum, im Buddhismus und in vielen weiteren spirituellen Traditionen. Die Formen unterscheiden sich, die Motive sind oft erstaunlich ähnlich. Reduktion, Achtsamkeit, Verbindung mit Gott, mit dem eigenen Inneren, mit der Gemeinschaft.

Gerade in einer Zeit, die laut, schnell und leistungsorientiert ist, wirkt Fasten fast wie ein Gegenentwurf, eine Entschleunigung. Es lädt dazu ein, bewusst langsamer zu werden. Nicht alles zu konsumieren, was verfügbar ist. Nicht auf jeden Impuls sofort zu reagieren. Sondern Raum zu schaffen für Gedanken, Gefühle und Begegnungen.

Wie persönlich und zugleich unterschiedlich Fasten erlebt wird, zeigt auch die Perspektive von Rev. Dr. Daniel Mbaya, Präsident unserer Partnerkirche in Nigeria. Er beschreibt Fasten als eine zutiefst innere Haltung, die weniger mit Stärke als mit bewusster Verletzlichkeit zu tun hat:

„Was Fasten für mich persönlich und spirituell bedeutet, habe ich durch meine eigenen Erfahrungen entdeckt, nicht durch das, was ich gelesen, studiert oder von anderen gelernt habe.
Fasten ist für mich eine bewusste Entscheidung, mich auf meinen niedrigsten, schwächsten Punkt zu begeben, damit Gott erhaben, geehrt und als würdig anerkannt wird.
Es erinnert mich ständig an meine eigenen Grenzen und weist gleichzeitig auf Gottes Fähigkeiten hin. Das Fasten stärkt meinen Glauben an Christus, vertieft mein Gebetsleben und zieht mich tief in das Studium von Gottes Wort hinein.“
- Rev. Dr. Daniel Mbaya, Ekklesiyar Yan'uwa a Nigeria (EYN)

Fasten heute: persönlich, vielfältig, freiwillig

Nicht jede gläubige Person fastet. Nicht jede fastende Person ist religiös. Und nicht jede Form des Fastens folgt festen Regeln. Auch das gehört zur Realität und zur Offenheit, die viele Menschen heute leben.

Für mich ist Fasten weniger eine Pflicht als eine Haltung. Die Bereitschaft, mir selbst Fragen zu stellen. Was brauche ich wirklich? Was kann ich loslassen, kurzfristig oder langfristig? Und wie kann ich bewusster mit mir und anderen umgehen?

Dass Ramadan und die Fastenzeit vor Ostern am 18. Februar in diesem Jahr zeitlich zusammenfallen, empfinde ich als bemerkenswert. Nicht als Symbol, sondern als Einladung, über Gemeinsamkeiten nachzudenken. Über Formen des Innehaltens, die in unterschiedlichen Religionen verankert sind und dennoch ähnliche Fragen stellen.
Diese Haltung des Zuhörens und des Respekts ist auch die Grundlage von Friedensförderung. In unserer Arbeit erleben wir immer wieder, wie wichtig Räume sind, in denen Menschen unterschiedlicher Hintergründe einander begegnen können. Gerade dort, wo Dialog möglich wird, entstehen Vertrauen, Verständnis und langfristige Perspektiven für ein friedlicheres Zusammenleben.

Vielleicht ist genau das die verbindende Kraft des Fastens über religiöse Grenzen hinweg. Es erinnert uns daran, dass Wachstum oft im Weniger beginnt. Und dass Spiritualität nicht trennt, sondern verbinden kann, wenn wir ihr Raum geben.

Hoffnung dank Ihrer Unterstützung

Mission 21
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